Selbstbestimmung als Aufgabe

Durch eine Fehlfunktion der website können neue Texte derzeit nicht in Unter-Menüs eingestellt werden. Ich parke die anstehenden Texte zum Thema "Kommunismus und Kommunalismus" daher hier, jeweils unter dem Veröffentlichungsdatum; jüngere Texte stehen weiter oben, vor älteren.

25.04.2018 (Antwort auf Bennis Kommentar: http://keimform.de/2018/die-keimformtheorie-ist-tot-es-lebe-die-keimformtheorie/#comment-1234682

Bitte berichtigt mich, wenn ich was falsch verstehe; aber folgende scheinen mir die am meisten von euren abweichenden unter meinen Auffassungen zu sein (auch vor dem Hintergrund der Kritischen Psychologie; ich habe von der "Grundlegung" die ersten 5 Kapitel gelesen):

1. Vergesellschaftung im Sinne arbeitsteilig-koordinierter Kooperation unübersehbar grosser Bevölkerungsgruppen halte ich für etwas extrem prekäres, historisch immer wieder an den Herausforderungen "fortgeschrittener" Produktionsweisen (kulturell durchgesetzte Weltverhältnisse; Einstellungen zu Wissen, Unwissen, Wissenserwerb) nach jedem vorübergehend "erfolgreichen" Differenzierungs- und Komplizierungsschritt erneut krisenhaft Scheiterndes - bis heute. Weshalb, in der Tat, die Prä-Historie andauert; es ist nicht klar, ob uns Vergesellschaftung überhaupt je gelingen wird.
((Könnt ihr verstehen, wie absurd sich von DIESER Position aus gesehen die Naturalisierung von Gesellschaftlichkeit bei Holzkamp ausnimmt. Was immer uns an Dispositionen angeboren sein mag: Sprache, Gesellschaft sind Resultate des Wirkens dieser Dispositionen, nicht hingegen sind sie selbst Dispositionen oder gar unhintergehbare "naturwüchsige" Tatsachen. Die Ableitung aus dem tatsächlichen Bestand biologisch-personaler Dispositionen ("Natur des Menschen, soweit er zur 'Personalität' disponiert ist") steht also aus meiner Sicht aus. Dies biologische Substrat theoretisch zu bestimmen und sein Vorhandensein empirisch nachzuweisen, wäre höchst verdienstvoll; es ist bislang nicht geschehen; ich sage: auch nicht bei Holzkamp. Immerhin hat er einen Versuch gemacht.))

2. Das Projekt einer materialistischen Theorie von "Gesellschaft" ist provisorisch so definiert: Es soll erklärt werden, wie die Transpersonalität historischer, gegenwärtiger und möglicher utopischer Vergesellschaftung sich (als, wie unter 1. festgestellt, überaus prekäres Resultat) aus (Verkettungen von) interpersonalen Beziehungen (auf einem erreichten historischen Stand) ergibt.
((Die einschlägige "marxistische" Fundamentalthese von der Vorgängigkeit der Gesellschaftlichkeit vor aller Individualität ist nur möglich aufgrund eines Oberflächen-Eindrucks, einer Schein-Plausibilität, die sich aus dem Vorbestehen historisch gewachsener, je aktuell ausgeprägter kultureller Lebensweisen (!) ergibt, in die alle Nachkommenden zunächst einmal (!) hineinwachsen. Aber dieser Vorbestand an vorläufig funktionierenden Praktiken würde bestenfalls stagnieren, wenn ihn die Einzelnen nicht sich als Lebensentwurf, umzusetzen in gelingender Lebensführung und Alltagen (hier auch: Care!), zueigen machen und lernend, dabei sich verständigend, weiterentwickeln könnten. Diese Entwickung nimmt ihnen keine "Gesellschaft" ab. Der Satz "sie wissen es nicht , aber sie tun es" drückt dabei keine List der überlegenen Gesellschaftsvernunft, sondern vielmehr einen mörderischen Mangel aus; der Fortschritt in der Geschichte besteht darin, die nicht bemerkten Mangel-Praktiken aufzudecken und Epoche für Epoche einen nach dem andern zu beseitigen. "Nicht 'Gesellschaften' lernen, sondern Einzelne." Mit der Konsequenz, dass die jeweiligen Lern-Fortschritte der Einzelnen ins Leben anderer einfliessen zu lassen, unendlich Zeit und Mühe in Anspruch nimmt - Zeit und Mühe, die zugleich dann und dort fehlen, wo noch immer weiter gelernt werden muss (beide Fortschritts-Richtungen in tiefem Widerspruch zueinander; eine Katatsrophe, bis auf den heutigen Tag, und nicht zuletzt an uns zu sehen: Wer soll unseren Fortschritten folgen? Wie breiten sie sich aus?)

3. "Ebenen": Der "Gradient" ist einer der Zeiträume, für die Pläne, Verfahren und Planregeln erwogen und befürwortet werden (Pläne für eine kurz- mittel- langfristig erfogversprechende reproduktive Praxis und ihre Verbesserung; über diese Kategorie ist von radikalen Linken bis heute viel zu wenig nachgedacht worden.). Zeit ist ein Kontinuum, aber aus der Perspektive der sich zu ihr verhaltenden Einzelnen ist sie SCHARF akzentuiert:


a. der Alltag und die Folge der Alltage (Lebenseinrichtung, Lebensführung; dazu gehört Care!) sind, sollen sein Teil einer gelingenden Lebensleistung, anders ausgedrückt:
b. eines Lebensentwurfs, den man im Rahmen der mit den mitlebenden Zeitgenossen geteilten Lebensform (mit ihnen, zT auch ohne oder gegen sie) zu verwirklichen sucht. Diese Biographie, oder die Summe an Biographien im Rahmen der (sich durch und zeitgleich mit ihnen ändernden) Lebensform, wenn sie Sinn machen sollen, sind eingebettet in
c. über-biographische Programme, deren Verwirklichung oft lang vor der eignen Geburt begonnen hat und den eignen Tod überdauern wird. Es ist abhängig von gegebner Erfahrung, welchem Programm dieser Art man sich verschreibt;
d. die Art, wie bei gegebner Erfahrung die Programme bestimmt und abzuändern sind, liegt, zeitunabhängig, aller Befürwortung und Ablehnung zugrunde, es ist die Art (das Regel- oder Prinzipiensystem), wie man begründet und Projekte aus Erfahrung erschliesst - bei sich und andern. Bei andern, speziell, kann man deren Art zu schliessen/begründen, verstehen, oder auch nicht; man kann ihre Art als Ausdruck eines behebbaren Defizits, einer fehlenden und zu vermittelnden Erfahrung begreifen.
d. Grenzen des Verstehens markieren die Grenzen dessen, was und wen man überhaupt für rational, zurechnungsfähig, "normal-erwachsen", "Person" usw hält.

Dies sind die "existenziell" akzentuierten "Ebenen", auf ihnen liegen die Themen-Felder für Vorschläge und Forderungen, die wechselseitig an infragekommende andre gerichtet werden, und von deren Seite akzeptiert oder (mit Gründen) abgelehnt werden können; über Gründe kann hin und her verhandelt, dann noch verbliebende Konflikte werden durch Kompromiss-Absprachen (do ut des) oder mit Gewalt (Betrug, Drohung, unmittelbarer Zwang) entschieden. Es entsteht ein unübersehbares Feld an genuin, oder aber bedingt-übereinstimmend sowie aufgrund von Gewaltverhältnissen (bei grosser Asymmetrie der Gewaltmittel: Machtverhältnisse) bestimmten, geteilten Kollektivplänen hinsichtlich dessen, was beteiligte Einzelne in Übereinstimmung (share) mit dem Plan je zu bestimmten Zeiten, also simultan/synchron neben andern, anders als andre (divide) tun dürfen oder sollen.
Neben die unbedingten und rein zeit- oder ablaufs-gebundenen Anweisungen oder Spielraum-Gewährungen des Plans treten solche, die Reihenfolge und Dauern für Routine-Abläufe bei sich wiederholenden Handlungs-Programmen bestimmen (Verfahrens-Regeln), und solche, die bedingungs-, also situationsabhängige ("wenn... dann") Handlungs-Varianten gegenüber den eigentlich zeitlich vorgesehenen erlauben oder gebieten: Plan(ungs)-Regeln.
"Koordination" von Arbeitsteilung wird hier definiert als vor allem SYNCHRONISATION auf den genannten Ebenen/Themenfeldern; dabei ergibt sich die innere Synchronisation ("gesellschaftliche" Aufgaben-Zuweisung von Teil-Projekten und Mitteln zu den Handlungsspielräumen einzelner Beteiligter: zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten Probleme lösen und Aufgaben in bestimmten Fristen erfüllen: wer macht was wann wo?) aus der äusseren, den "gültig" für ausführungs-bedürftig/-wert und mit vorhandenen Mitteln und Zeiträumen ausführbar gehaltenen (Versuchs)Projekten. 
Die Frage nach der Transpersonalität als Resultat interpersonaler Interaktionen präzisiert sich: Wie entsteht transpersonale Kohärenz und koordiniert (synchronisiert)-arbeitsteilige Reproduktion grosser Gruppen als Resultat von Einem-Gemeinsamem (share) und Vielfältig-Verschiedenem (divide)? Kurz: Wo endet Artbeitsteilung, wo beginnt das unerlässlich von allen, oder allen an bestimmten Projekten Beteiligten zu Teilende? Ist Planen arbeitsteilig möglich? Wissen? Verstehen? Gut Leben? (Ich erinnere an das historische Beispiel für gescheitertes quasi-arbeitsteiliges "Delegieren": Frommsein. Entscheiden über Grundsatz-Ausrichtung der Staats-Tätigkeit.)

Anhang:
Terminologie im Rahmen meiner eigenen Theorie:
a. die langfristige Festlegung auf eine bestimmte (konfliktfreie, haltbar) Art der Lebensführung nenne ich: Identität
b. Lebensentwurf und Lebensform;
c. eine (mit unbestimmt vielen geteilte; biographien-übergreifende) "Individualität"
d. Mentalität, Begründungsweise
e. Rationalitäts-Vorstellung, bestimmter Begriff von Personalität und "Verstehbarkeit als vernünftig usw"

20.04.2018.2 (der heute im ersten Beitrag bei keimform verlinkte Text schliesst sich unten an)

A.
1.Transpersonal
2.Kohärenz
3.Bedeutungsstruktur (elementare Handlungen im Rahmen einer ges. B.)
4.die "Ebenen" (das, was durch die El.form Kohärenz bekommt)
Mit diesen 4 Kategorien, Benni, ist dein Elementarform-Konzept wesentlich eingeführt; sie sind erklärungsbedürftig.
Die bisherigen Erklärungen dieser Kategorien helfen mir nicht weiter, weil:
'transpersonal' ist nur eingeführt als "das Gegenteil von" 'interpersonal';
'Kohärenz' und 'Bedeutungsstruktur' (eigentlich auch das 'gesellschaftlich') sind garnicht erklärt;
die drei "Ebenen" im 2.Text Abs 2-4 sollen irgendwie erschöpfend sein; aber sind sie es, und was IST es eigentlich, das da in Ebenen zerlegt wird?

B.
Zu deiner Erwiderung, dass die zugestandene Vielfalt der Lebensweisen sich nicht auf die Elementarform überträgt (ein und dieselbe El.form für viele Lebensweisen; dazu kommen noch die Mischformen (was sorgt dort eigentlich für "Kohärenz"?), möchte ich dich erinnern, dass in der bislang nur präzisierten These 15 (1.Text) die Lebensweise eine prominente (begriffliche) Stelle einnimmt:
"Elementarformen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Handlungen zwischen Individuen in einem gesellschaftlichen Rahmen sind, die wiederholt von vielen bis allen Mitgliedern einer Gesellschaft vollführt werden müssen, damit die Gesellschaft als Ganzes ihre Lebensweise erhalten kann."
Mit Abs 11 inText 2 ist in diese Aussage präzisierend die Kategorie "elementare Handlungen" eingefügt:
"...Diejenigen interpersonalen Handlungen, die also auf materieller Ebene dazu beitragen, die transpersonale Kohärenz der Gesellschaft zu erhalten, nenne ich elementare Handlungen."
Wird das mit der "Lebensweise" damit einkassiert?
(Immerhin hatte ich versuchsweise diese Bezeichnung mit dem traditionelln "Produktionsweise" gleichgesetzt...)
Die neue Definition lautet: El.form= Summe der elementaren Handlungen (die aber noch immer auch in der Summe nicht genügen, um "wirkliche" Kohärenz herzustellen, wenn sie nicht so stattfinden, nämlich:) im Rahmen einer gesellschaftlichen Bedeutungsstruktur.
Wie stehen "Kohärenz" und "Lebensweise" zueinander?
Und... zu welcher der drei Ebenen gehört jetzt eigentlich "Kohärenz" oder gar "gesellschaftliche Bedeutungsstruktur"?
Und wie kann ausgerechnet etwas derart kulturelles und "ideelles" wie "Bedeutung(sstruktur)" NICHT in den Sog der Vielfalt geraten, dem die "Lebensweisen" ausgesetzt sind?
Und was macht eine Bedeutungsstruktur "gesellschaftlich"? Ist das nicht iwo der Begriff, der mit dem ganzen Kategorien-Apparat erklärt werden sollte?

C.
Auf welcher Ebene steht eigentlich PRODUKTION?
Deine Aufzählung in Text II, §2 ist: "unser Lebensraum Erde und sein Klima, stoffliche Eigenschaften der Dinge und des Menschen, die Naturgesetze oder die Position von Körpern im Raum."
Arbeit (die ja "immer schon" gesellschaftlich, arbeitsteilig ist)  gehört da offensichtlich nicht dazu, sondern nur ihre Natur-Voraussetzungen.
Ok.
Aber in II,3 kommt die Arbeit auch nicht vor, da ist dann nur noch von "Eigentum" die Rede. Das Jagen, Sammeln, Acker/Städte/Instrumente bauen, Natur erforschen, Techniken entwickeln... kommt irgendwie immer nur als untergeordnetes Element vor, das sich von selbst versteht; es taucht nie auf als Quelle von stark restringierenden Anforderungen an die Kohärenz-stiftenden Elementarformen. Tausch und Industrie, Ackerbau und Imperium sind iwie verschmolzen und werden nur gemeinsam abgelöst.
Also die ganze Histomat-Dialektik-Formel von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen und möglichen Miss- und Basis/Überbau-Verhältnissen zwischen ihnen... überflüssig?

D.
Der ImperienEpoche kann die interpersonale Kooperation eigentlich nur zugeordnet werden, wo sie relativ einfach ist. Steuereintreiben im alten Rom, im Namen des fernen Kaisers. im Rahmen seiner Edikte, die übertreten werden können, und dann klagt man etwa als römischer Bürger beim Aedil und kriegt eventuell was zurück: was ist DAS denn?
Soviel da auch Bestechung und Vitamin B im Spiel sein mag - die Macht der Beteiligten ist FUNKTIONSMACHT; keine "persönliche".
Ebenso eigenartig finde ich es, wenn auf diesem Hintergrund die Aneignungsform "privat" genannt wird. Ich erinnere mich, dass Historiker das Gebaren der kleinasiatischen "orientalischen Monarchie" (Perser bis hin zu den Diadochen) so beschrieben: der Staat ist dort der Privathaushalt des Königs.
Nun - in Rom war das gewiss nicht mehr so. (Ebensowenig im kaiserlichen China.)
Die Einbrüche zwischendurch, wo Staatlichkeit nicht die Hauptdimension der Entwicklung war, mal weggelassen, kann man fortfahren: Im frühneuzeitlichen Staat ("Imperium")  war es erst recht nicht so.
Privatschatulle/Apanage und Staatshaushalt strikt getrennt. Was heisst da noch: privat?
Das sieht ein bisschen nach "Systemzwang" (oder Pressen ins Schema) aus.

E.
Die entscheidende Frage, die sich mir mehr und mehr stellt, im Mass wie du den begrifflichen Bezug zur "Lebensweise" zu suspendieren scheinst, ist: Wo ist jetzt eigentlich noch das Materialistische? Also, etwa: Das Rekonstruieren der Vergesellschaftungs-Realität von der harten Anforderung her, dass materielle arbeitsteilige Reproduktion auf gegebnem (hohen) Niveau gelingen muss?
Ich sehe diese Härte auch gegeben im Zusammenhang mit den nur scheinbar "weichen" Faktoren: wenn eine antike Staatsverfassung im Rahmen eines Grossreichs den Untertanen keine ordentliche (berechenbare, nicht über die Massen korrupte sondern funktionale) Verwaltung incl. Durchsetzung von rationalen Regeln bot, brach die "öffentliche Ordnung" (Kohärenz?) zusammen. Verwaltung war ein massiver Abzug vom Gesamtreichtum, und sie musste als Herausforderung technisch, materiell, in Form von gut durchdachten Praktiken, gemeistert sein. Deren Entwicklung brauchte Zeit, und die Fehlschläge (schlechte " governance") zeigten sich in zeitweisen Zusammenbrüchen von Reichen und Gemeinwesen (in China: das Mandat des Himmels wird entzogen und einer andern Dynastie verliehen).
Ich sage: Nein, das ist keine andre Skala, und dass man viel aufwendete um Priester durchzufüttern, war nicht einem Personal-Wechsel in der ausbeuterischen Extraktoren-Räuberklasse geschuldet.
Es war zu dem Zeitpunkt überlebens- UND Kohärenz-wichtig auf dem (überregional) erreichten Produktions-Niveau.
(Die "horizontale" Abgrenzung von Gesellschaften wäre ein eigenes Thema: "Stand" kann auch sein, dass evidentermassen Getreidelieferungen aus afrikanischen Kornkammern an Zivilisationsstützpunkte in Mittel/Westeuropa nicht langfristig-stabil aufrechtzuerhalten sind.)
 
F.
Wenn der "Ebenen"-Begriff (und überhaupt Begriff dessen, was da in Ebenen sich untergliedert: kollektiv-arbeitsteilige Reproduktionspraxis auf gegebnem Stand der Produktivkräfte. diese Kategorie angemessen allgemein aufgefasst) mehr geklärt wäre, könnte man folgender Möglichkeit nähertreten, die du, Benni, derzeit kaum in Betracht ziehst:
Dass nämlich objektiv gelingende "Kohärenz" und massenhaft subjektiv geteilte "Bedeutung" (subjektive Erwartungen, was an (arbeits- usw-geteilten) elementaren Handlungen für die objektive Kohärenz warum hinreichend sein könnte) auf verschiedenen Ebenen, in einer gegebnen Epoche, unterschiedliches bedeutet.
Und die Elementarform sich entlang diesen Ebenen-Kohärenzen eben "ausdifferenziert" und die Vielfalt zumindest eines epochalen TYPS Lebens- (oder Produktions)weise darum an sie gelangt.

  


20.04.2018.1

Benni, in seiner jetzigen Form wirft das Konzept der "Elementarform" aus meiner Warte weiter Fragen auf.
1. Wovon ist die El.form die Form? - Man würde sagen: kollektive Reproduktion und ihr Fortschritt; der ältere Ausdruck wäre: die Produktionsweise.
Dein Tableau, Benni, zeigt zwei Dimensionen (mit je 2 Ausprägungen), die der Aneignungsform und die der Kooperatoin. Dies verstehe ich als Vorschlag, diese zwei (sehr einfachen) Entwicklungsdimensionen an der traditionellen Kategorie Produktionsverhältnis zu unterscheiden. Unter den vier Epochen-Bezeichnungen, die sich so ergeben, mit läuft das, was traditionell "Stand der Produktivkäfte" heisst. Über die (traditionell "dialektisch" erklärte) Verbindung/Interaktion beider denkst du mE zu wenig nach.
2. Durch dein gegenüber der Tradition zwar dezent differenzierteres (2-Dimensionalität von Prod.verhältnissen), insgesamt aber ähnlich einfaches, wie ich glaube: ZU einfaches Ansetzen handelst du dir genau die fundamentale Schwierigkeit, geradezu eine Paradoxie, ein, mit der du im weiteren Text kämpfst: Wie ist denn ein "Übergang" zu denken, wenn dabei derart fundamentale Parameter ausgewechselt werden? Es ist, als würde dem Gesellschaftskörper ein neues Gehirn transplantiert; wie haben Gesellschaften derartiges auch nur ein einziges Mal überleben können?
Das lässt sich folgendermassen an deinem Text weiterführen:
3. Indem du deine Definition so präzisierst "..die bestimmende Eigenschaft von Elementarformen ist, die Kohärenz einer Gesellschaft herzustellen", lädst du der El.form-Kategorie einen  zu hohen Anspruch auf, du machst aus "Kohärenz herstellend" ein sog. achievement predicate: "Achievement predicates are like accomplishments lacking a process part. They denote punctual change. Examples of achievement predicates are "reach the top", "win the race", "find his glasses"." - Wenn der El.form das Herstellen der Kohärenz nicht mehr gelingt, ist natürlich Krise; aber bei dir, Benni, ist dann wirklich alles kaputt, nichts geht mehr: Kohärenz misslungen, Gesellschaft tot. Umgekehrt:
4. In der Formel "Kohärenz herstellend" ist ja irgendwie die Essenz der Tatsache ausgesprochen, dass es eine (EINE!) Gesellschaft, also einen funktionierenden arbeitsteiligen Zusammenhang, überhaupt gibt.
Aber ähnlich, wie die ME Theorie diese maximal elementare Kategorie in jeder materialistischen Erklärung von Gesellschaft und Geschichte hingetrimmt hat auf eine Geschichte von Verhältnissen von Klassen und deren Kämpfen ("die geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen"), so interessiert dich an dem ganzen riesigen Entwicklungsprozess eben genau das, was du ja auch begrifflich fasst, diese beiden Dimensionen des Prod.verhältnisses bzw der (bisherigen (Elementar)Formen von "gesellschaftlicher" Arbeitsteilung): Form der Aneignung, Form der Kooperation. Diese bedien Dimensionen und wohl auch ihre je 2 Ausprägungen sollen offenbar die Möglichkeiten erschöpfend ("exhaustiv") sein.
5. Das hiesse, dass eine El.form, die "transpersonal" ist, nicht "interpersonal" sein kann. Dagegen wurde eingewandt (und das ist nicht erledigt):
a. "Transpersonalität" ist womöglich eine Eigenschaft bereits von Stammesgesellschaften; sie kann beinah gleichgesetzt werden mit dem Begriff GESELLSCHAFTLICHE Arbeitsteilung.
b. Die El.form von "Imperien", übrigens speziell auch einer vermeintlichen kulturellen Regressionsform wie "Feudalismus", als "interpersonal" einzuordnen, bloss weil man zB das Gesicht des Herrschers, stilisiert, auf einer Münze sieht - das ist etwas... hm... eigenwillig? Und es wird auch nicht so viel besser, wenn man versuchsweise für vor-kapitalistische Verhältnisse (aber das ist ein Versuch, den etwa Marx durchaus unternommen hat!) unterstellt, die Leute hätten nicht die beteiligten Personen, aber die Struktur ihrer Verhältnisse quasi anschaulich vor Augen gehabt und jedenfalls einen Begriff davon gehabt, wer da für welche Zwecke ihre Überschüsse "extrahiert". Damals soll alles (die Ausbeutung) so einfach gewesen sein.
c. Du erwägst nicht die Möglichkeit, dass, ums mal an deinen Kategorien auszudrücken, die (spätere Form der) Transpersonalität zur (bereits existierenden, von dir) interpersonal (genannt)en (Form der Transpersonalität) hinzutritt, und sie ERGÄNZT, wobei in dieser Verbindung die ursprüngliche sog Interpesronalität nicht verschwindet, sondern ihren Charakter, womöglich fundamental ändert. Die Vorstellung, dass etwas "hinzutritt", unterstellt allerdings (was auch die hier weit verbreitete Vorstellung von einer "Keimform" prägt), dass da vorher garnichts war, irgendwo "ausserhalb" (wie der Prototyp eines technischen Teils, das einem existierenden Modell nachträglich eingebaut werden kann) entwickelt wird und dann irgendwann, wenn "reif" genug, dem Inventar an Formen hinzugefügt wird (wenn es sie nich tganz verdrängt und ersetzt; das ist ja die Extremform dieser Denkweise). Während ich sagen würde: dass jeder Epochenschritt (bisher) insofern "Ausdifferenzierung" darstellt, als eine Handlungsweise, die bislang an eine Gruppe oder überhaupt alle Personen gebunden war, eine Komplizierung durchmacht, derart dass spezielle Kompetenzen zur Durchführung ausgebildet werden, die arbeits- und kompetenzteilig an Gruppen delegiert werden. In der urkommunistischen Jäger/Sammler, der Care- und Commons-Phase, waren diese Kompetenzen solche aller Erwachsenen (Mann/Frau-Arbeitsteilungen ev. die einzigen).
d. Da der Fokus ausschliesslich auf die für entscheidend gehaltenen beiden Entwicklungsdimensionen gerichtet ist, wird die technische oder Kompetenz-Seite in "Produktionsverhältnissen" nicht beachtet. Diese Geringschätzung des "Überbaus" ist ja bereits der Geschichts- und Gesellschaftstheorie von ME vorgehalten worden. Was alles wird an epochalen Entwicklungen und kognitivem Reichtum (kognitiv? keine materialistische Kategorie?) unterschlagen (keinesfalls ja nur von dir Benni, aber von dir eben auch), wenn man Entwicklungsdimensionen wie "Verwaltung eines Grossreichs", "ethnische Grenzen überschreitende einheitliche Hochkultur"  "Hochreligion (im Sinne der Religion in einer solchen transethnischen Hochkultur)", "Rechtsförmigkeit des hoheitlichen Handelns" (eigentliche Staatlichkeit) unter dem Einheitstitel "Imperium" laufen lässt. Ähnlich wird übersehen, welch gewaltige materielle Aufgabe die Erschliessung der Produktionsmöglichkeiten in naturräumlich ("naturwüchsig")  nicht (oder erstmal nicht offensichtlich) privilegierten Territorien eines vormaligen Grossreichs darstellt, und die Anhebung des in dieser Fläche, mit regional verfügbaren Mitteln erreichbaren Kulturniveaus auf das höchst-erreichbare Niveau der vormaligen Grossreichs-Zivilisationszentren.usw
Anm.1: Man sieht hier einmal mehr, dass die wahrscheinlich wichtigste Form einer Kontroverse durch "Kritik" garnicht überwindbar ist, die nämlich über Frage, was überhaupt Aufmerksamkeit verdient, woran zu denken ist und woran nicht, welches die wichtigen und unwichtigen Begriffe sind (die darum auch garnicht erst zu bilden sind). Wer will sich mit Überflüssigem, Irrelevantem belasten?
MIR sind die angemahnten Kategorien gleich wichtig wie "Imperium", Benni nicht; mir geht es offenbar, auch bei der Erwägung der "nächst-anstehenden" Keimform, um ein viel-dimensionales Verständnis von Produktionsweise (und der ihre Kohärenz herstellenden Elementarform); Benni zufolge scheint es dabei nur auf seine 2 Dimensionen mit ihren je 2 Ausprägungen anzukommen. Wie motiviere ich Benni, meine Differenzieungen wichtig zu finden? Wie er mich, das für mich Wichtige ausseracht zu lassen, weil es darauf nicht ankommt?
Anm 2: Etwas wie das 4-Felder-Schema würde in einem "Ausdifferenzierungs"-Modell von Geschichte so niemals vorkommen, weil die Dimensionierung mit zunehmendem Reifegrad wächst. Was aber sehr wohl vorkommen kann, ist, dass erstmalige Ausprägungen einer Entwicklungsdimension (die ja auch erstmalige Lösungen eines Problems darstellen, das sich in der Härte bis dahin noch nicht gestellt hatte) später ihren Charakter komplett ändern (wenn das Problem eine verallgemeinerte Fassung bekommen hat; wenn die Lösungen für diese verallgemeinerte Fassung mit neuen Entwicklungsdimensionen zusammenarbeiten sollen).
Anm. 3: Ich erinnere nochmals daran, dass Benni in seinem ersten ("holperigen") Anlauf Elementarform in etwa als Tun eines Gleichen durch alle Gesellschaftsglieder definiert hatte; tatsächlich tun sie das Gleiche (nehmen teil am selben Reproduktionsprozess), indem sie ihre arbeitsteilige Rolle ausfüllen, jeder das Seine an dem ihm zugewiesenen (oder selbstgewählten) (gesellschaftlichen) Ort tut. Diese Unterscheidung zweier Ebenen wirft weitreichende Fragen auf, nämlich inwiefern denen, die "das Ihre, an ihrem Platz tun", eigentlich überhaupt, und wenn wie gut bewusst ist, an welchem Ganzen sie da mitwirken. (Ob es überhaupt IRGENDJEMANDEM bewusst ist: Sie wissen es nicht, aber sie tun es...)

6. In dem bisher von mir Gesagten sind (mir) einige sehr wichtige Ansätze für "Krise - Keimform - Transformation" versteckt.
KRISE hätte vor allem zwei wichtige Anteile:
a. mit Benni sage ich: Die Leistung der "Herstellung von Kohärenz" wird immer mangelhafter erbracht; die vormals selbstverständlichen Synergien von Kultur-Dimensionen gehen wieder verloren, nichts passt mehr zum andern, widerspricht sich;
b. zT gegen, ZT aber auch schon wieder mit Benni sage ich: Das liegt an genau EINER Dimension kollektiv organisierten Handelns, die als nächste "kulturell", informiert, tradierbar, geformt und reflektiert, bewusst (nach Regeln) gestaltet werden muss.
c. Allerdings ist dies Fehlende zu Zeiten, in denen die Folgen deises Fehlens sch schmerzlich bemerkbar machen, nicht erkannt; es dauert oft bis weit in di enöchste Epoche hinein (in der das Problem gelöst wird), dass dieser Mangel verstanden wird - dann also, wenn sich abzuzeichnen beginnt, wie er zu beheben ist. Aber selbst dann ist noch lange nicht die allgemeine Fassung der kulturellen Problemstellung erkannt, für die die sich abzeichnende Haupt-Entwicklungsdimension der Folgeepoche die erste Version eines Lösungsansatzes darstellte. ("Staatlichkeit" löst Probleme, die sich weiterhin, in komplex abgewandelter Form, immer wieder stellen, aber womöglich entweder mit ganz anderen Formen der Staatlichkeit (zB "demokratisch", klassisch liberal), oder überhaupt nich tmehr staatlich (Konsensfindung durch gemeinsame Erfahrungsverarbeitung) gelöst werden).
KEIMFORMen würden entwickelt von Kultur-Pionieren - nein, nicht genialen Einzelnen; eher schon: dafür prädestinierten Gruppen in der Bevölkerung der Vor-Epoche - die aus jedesmal im Einzelnen aufzuklärenden Gründen den Bedarf nach Problemlösungen auf dem später Haupt-Entwicklungsfeld der Folgeepoche spüren (erkennen wäre zu viel gesagt). Der "Antrieb", der sich in dieser Gruppe besonders ausbildet, ist nicht ihr Werk, sondern Resultat allgemeiner Mangel- und Krisen-Erfahrungen in der Reifephase der Vorepoche. Es ist analytisch für Erkenntnisse über die Keimform-Kategorie extrem bedeutsam, dass man sich darüber klarwird, ob hier jedes Mal etwas je epochenspezifisches und zusätzlich/oder stattdessen eine immer wieder gleich wirkende Konstellation, eine Klassen- oder professionelle oder gar "allgemein-menschliche" Disposition gefunden wird, die die "Prädestination" dieser Gruppe ausmacht.
Es versteht sich von selbst, in welchem Ausmass diese Vorstellungen bzgl Krise und Keimform abweichen von früheren traditionell marxistischen oder Marx-inspirierten abweichen; insbesondere der Zweifel an der Simultaneität bzw Synchronisierbarkeit von Entwicklungsprozessen angesichts geteilter Klassen-, Krisen- und Kampf-Erfahrungen, die  ja zu unterstellen sind für die von Marxisten postulierte Allgegenwart von "Revolution" als Epochen-Übergangsform. Daher noch ein Wort zu
TRANSFORMATION: Hier scheine ich mich langsam aber sicher selbst in eine Paradoxie hineinzuschreiben; denn ich behaupte ja eine Art Blindheit der Akteure, selbst der Pioniere gegenüber den historischen Fern-Folgen ihres Tuns: Sie machen diesen Teil oder Aspekt ihrer Geschichte nicht, er kann erst im nachhinein erzählt werden: Indem sie X machten, beförderten sie... trugen sie dazu bei, dass... führte dies langfristig zu...
Anm. 4: Ich habe zu dieser Frage eine dezidierte Antwort anzubieten, die allerdings vroaussetzt, dass man meine Kategorien "Weltverhältnis" und "Vergesellschaftungskonzept" als subjektive Pendants wenigstens einiger massgeblicher Akteure (die dadurch auch imstand isnd, Entwicklungsschritte zu vollziehen) akzeptiert. Da stelle ich die These auf: Ein neues Weltverhältnis (es gab nicht so viele bisher; ganze Epochen haben sich mit der Anpassung der sozialen Dimensionen der herrschenden Elementarform an die Erfordernisse eines einmal eingeführten Weltverhältnisses beschäftigt), wieviele Individuen in ihren Bildungsgängen sich schon zu ihm hingearbeitet haben mögen, verankert sich erst und nur dann kulturell, und verschwindet nicht mehr, wie unentwickelt es auch in seinen ersten fassungen auftritt, wenn auf dem fortgeschrittensten Vergesellschaftungs-Standpunkt des vorangehenden Weltverhältnisses dessen Vertreter selbstreflexiv werden und den MANGEL ihrer obersten Lernregel 8ein anderer Ausdruck für Weltverhältnis) begreifen. Dann haben sie ihn nicht behoben; aber sie sind die ersten, die die "Richtigkeit" des neuen Weltverhältnisses "auf den Begriff" bringen können. Die beiden Paare, die das welt-historisch bislang verkörpern, sind: Moral (als Selbst-Reflexion des bis heute allgemein üblichen, also "normalen" "normal-praktischen" Weltverhältnisses, als es selber kulturbildend war, war es: das magisch-abergläubische; ein anderer Name ist: OPPortunismus, wegen des fehlens einer apriori gültigen obersten Lernregel) und genuine RELigion; und: "Kritik" (als selbstreflexiv werdende, Vermitttlungsweise RELiiöser Menschen) und MODerne. Wir stehen am Ende der MODerne; sie wird selbstflexiv in diesen Zeiten - unter anderm in solchen fortgeschritten-radikallinken Diskursen. Das NACHMODerne Weltverhältnis wird aber, in denkbar unreifen, unentwickelten, nicht lebensfähigen Formen, bereits von Pionieren erprobt. Wer ist das? Auch darauf gibt es eine Antwort. Aber sie führt an DIESER Stelle zu weit. Daher nur eine Andeutung: Es sind Leute, die der Bedürfnis-Orientierung bei der alltäglichen Lebensführung und Lebenseinrichtung eine solche Priorittät einräumen, dass die gesamte HIerarchie kultureller Orientierungen (Lebensentwürfe, über-biogaphische kollektive Programme, für alle Zeiten gültige Weisen des Begründens; Begriffe von Rationalität und Personalität überhaupt) daraus in einer epochal neuen und eben erstmals "richtigen" (die Mängel der MODerne überwindenden) Weise ergibt. Das ist (wie jetzt schon theoretisch begriffen werden kann) nicht nur DIE Utopie, die die drängendsten Probleme unserer Zeit auf Dauer (vorausgesetzt, dieser epochale Reifungsprozess gelingt) allesamt zu lösen gestattet; es ist, seinerseits, auch nur ein Sprungbrett, um von da aus zur nächsten Epoche vorzustossen (weist also noch immer fundamentale Mängel auf; die wir theoretisch ahnen können). Es ist also nichts weniger als das Ende der (Vor)Geschichte. Nur ein nächster, nächstanstehender Schritt.