Selbstbestimmung als Aufgabe

Am Ende dieser Seite befindet sich ein Fragment mit ersten Andeutungen zur Systematik radikal linker Standpunkte.

http://keimform.de/2015/eine-idee-fuer-den-uebergang/

franziska (20.05.2015, 16:59 Uhr)

    1. Ich meine: Sogar die Frage, wie das Fortschritts-ZIEL aussehen soll, ist in Wahrheit identisch mit der, wie ÜBERHAUPT aus den gegenwärtigen Verhältnissen heraus und über sie hinauszukommen ist – wenn man (als radikale Linke) sich nicht mit der alles zudeckenden Glaubensformel zufriedengibt, dass Kapitalismus das unbestimmt-universelle Hindernis für alles Erdenklich-Wünschbare ist, derart dass seine Wegräumung („Abschaffung“) per Revolution dies Erwünschte ganz von selbst eintreten lässt. Wie, wenn Kapitalismus hinderlich ist vor allem darin, dass er völlig ILLUSIONÄRE Lösungen verspricht für Probleme, die sich nach (auch bloss theoretisch antizipierendem, wie hier) Verzicht auf die Illusion den Ernüchterten historisch erstmals in ihrer ganzen Schärfe stellen, ohne dass DABEI auf „Keimformen“ zurückgegriffen werden könnte, etwa in Gestalt „entwickelter“ Produktivkräfte? Weil die eher Teil des Problems als der Lösung sind?

    2. In Marx‘ jüngeren Jahren gab es, wie allgemein bekannt, eine („historisch-materialistische“) Hypothese hinsichtlich der Voraussetzungen für einen Übergang – nämlich (nach meinem Verständnis) diese: Eine in den bestehenden Prod.verhältnissen nicht lösbare Prod.AUFGABE hebt sich (historisch wiederkehrend) immer mehr heraus – dass sie nicht gelöst ist, erweist sich als zunehmend drückende, „krisenhaft sich zuspitzende“ Epochenschranke.

    Die Art der Voraussetzung läge demnach auf dem Gebiet der materiellen Produktion, und sie unterstellt: Auf diesem Gebiet ist etwas in katastrophaler Weise nicht bewältigt und unter den Bedingungen des alten Prod.verhältnisses auch nicht bewältigbar.

    Im Gegensatz hierzu wird in traditionellen (auch hier bei keimform, soweit ich sehe, vertretenen) Auffassungen eines Übergangs eine andre Lesart derselben Marxschen Stellen zugrundegelegt: Materielle Möglichkeiten entwickeln sich durch die Geschichte hindurch unaufhaltsam weiter, dabei arbeiten sie mit verschiedenen Prod.verhältnissen zusammen, die dem jeweils erreichten Fortschritts-Niveau (worin es besteht, muss nicht angegeben werden) erst förderlich, dann immer hinderlicher gegenübertreten. Der materielle Fortschritt sprengt sich dann gewissermassen selber den Weg frei und erzwingt (naja, mehr oder weniger) den Übergang in eine ihm nützlichere Gesellschafts-Organsiation.

    Der Unterschied dieser zweiten zur ersten Sichtweise ist: Der materielle Fortschritt ist hier schon absolviert, die Optionen müssen nur noch ergriffen werden (die Arbeiter gehen in die Chefetage und übernehmen den Laden).

    Meiner Lesart der historisch-materialistischen Arbeitshypothese zufolge ist hingegen rein garnichts da, und muss erst mühsam entwickelt werden – während das Fehlen dieses Fortschritts sich allenthalben drückend und immer bedrückender bemerkbar macht. Dies Fehlen, dieser Mangel KANN aber bloss durch eine neue Prod.Organisation und Vergesellschaftung angegangen werden – nur, dass die Probleme aus der epochalen Zurückgebliebenheit der Umgebung zu den „Aufbau“-Problemen noch dazukommen. Man hat demnach zwei epochale Aufgaben zugleich (materiell UND sozial) statt bloss einer, und man muss sie lösen, während zugleich (und das ist durchaus als dritte Problem-Dimension anzusehen) der Druck und die Krise fortbestehen (@Martin oben: „die Abschottung nach außen gegenüber dem Kapitalismus“ – leichter gesagt als getan…)

    Das ist also leider ein um Vielfaches schwierigeres Szenario.

    ((Allerdings begründet es vielleicht die vernünftige Erwartung, dass durch ihre allen andern weit überlegene Problembewältigungs-Fähigkeiten diese winzigen Bevölkerungsgruppen mit ihrer zwangfreien und doch maximalen internen Koordination ihre Lebensform allmählich allen andern um sie herum vermitteln können.))

    3. Der Kapitalismus schafft gerade eben (und auf mörderisch kostspielige Weise) das, was ihm immer zugeschrieben wird: die Produktivkräfte zu entwickeln – einen Werkzeugkasten.

    Die Prod.Aufgabe, die ich als dadurch ungelöst ansehe, besteht darin: den zweckdienlichen Gebrauch der vorhandenen Werkzeuge einzurichten (sie daraufhin auszuwählen oder, wahrscheinlich eher: allererst zu entwickeln und zu entwerfen): Eine (wie ich es nenne) Prod.Architektur. Über die Zwecke, denen sie dienen soll, muss dann allerdings Konsens herrschen. Anders, als es (auch hier wohl) oft unterstellt ist, bedeutet das: Die daran Beteiligten (oh, „die Netzwerke“ übernehmen das für sie? das erinnert mich an: „die Märkte“…)  müssen sich verhalten ZUM GANZEN IHRER PRODUKTION (eben deren „Architektur“), zumindest zu deren Prinzipien (und zu den Grenzen, bis zu denen (Auf)TEILUNG der Ausführung („Arbeitsteilung“) nicht ausschliesst vom gemeinsamen Nachvollziehen, Begreifen, Beurteilenkönnen und TEILEN (gemeinsam haben) der Aufgaben und Lösungsansätze). Dabei stellt sich ihnen brennend die Frage nicht bloss der Wünschbarkeit, sondern der der kollektiven Steuerbarkeit der vergesellschafteten (Re)Produktion – im Kern, wie ich meine, ist das das Problem der kollektiven Wissensverarbeitung dh. des LERNENS AUF GESELLSCHAFTLICHER STUFENLEITER.

    4. Mir selbst fallen, ganz allgemein, folgende drei grosse Gruppen von Zwecken ein, auf die die Einrichtung bzw der Aufbau einer Prod.Architektur als Ziel ausgerichtet sein muss bzw. zu deren Umsetzung man (ev. sukzessive) sich befähigen muss, nämlich sie muss sein

    1. bedürfnisgerecht
    2. ökologisch
    3. die vielfältigen Gefälle zur historisch zurückgebliebenden Umgebung aufhebend, Ungleichzeitigkeiten beseitigend

    Im Mass, wie sie diesen Zwecken gerecht wird, löst sie dann zugleich die oben genannten drei Probleme:
    1′: das eigentumsfrei-kommunistische des Aufbaus einer zwang- und konfliktfreien Vergesellschaftung mit der Fähigkeit zum kollektiven Wissensverarbeiten (Lernen);
    2′: das technologische einer nachhaltigen Produktionsweise;
    3′: das politische der Gestaltung des Übergangs aus gesellschaftlichen Start-Bedingungen heraus, in denen sich grosse Bevölkerungsteile weltweit diesen Zwecken indifferent bis abweisend gegenüber verhalten.

    ((Meine (ziemlich steile) These dazu ist: Mit der Aufgabe der „Bedürfnis-Gerechtheit“ sind alle andern Problemstellungen automatisch mitgelöst – was zu beweisen wäre. Das @ HHH.))

    5. Ich lese erst seit kurzem bei keimform, finde es aber ziemlich bemerkenswert, dass im Zusammenhang mit technischen Problemen (vgl. 2) die Nahrungsmittelproduktion einzig unter dem Titel ihrer „solidarischen“ Organisation zur Sprache kommt. Als hätten wir da nicht noch ganz andre Probleme: Nicht nur die konventionell-industrielle, auch die sogenannte biologische Landwirtschaft stossen (ablesbar an immer weiter steigender Kosten!) derzeit massiv an Grenzen, jenseits deren nicht etwa immerfort weitere alternative Konzepte bereitliegen, die bloss auf Verwirklichung warten, vielmehr herrscht da nach meinem derzeitigen Erkenntnisstand: RATLOSIGKEIT. Und… wenn die Probleme sich anfangen wechselseitig zu verstärken, wird diese Ratlosigkeit sich zur VERZWEIFLUNG steigern, weil weltweit und in allen Regionen Ernährungskrisen zu befürchten sind. Wenn das noch mit einem abnehmendem Energie-Angebot zusammentrifft – dann gilt es massive Existenzprobleme der Weltbevökerung technologisch anzugehen. Mit diesen wenigen Stichworten ist schon ein gewaltiger Bezirk völlig ungelöster „Produktions-architektonischer“ Aufgaben angesprochen…)
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    Ich möchte kurz noch darauf hinweisen, dass über die Frage des Übergangs in den letzten zwei Jahren intensiv diskutiert wurde in mehreren threads des Marx-Forums, nämlich hier (siehe auch die dort verlinkten threads): http://marx-forum.de/Forum/index.php/Thread/374-Produktions-Architektur-und-sachliche-Voraussetzungen-f%C3%BCr-einen-%C3%9Cbergang/ und hier. http://marx-forum.de/Forum/index.php/Thread/388-Wer-ist-heute-die-herrschende-Klasse/

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franziska (31.05.2015, 16:54 Uhr)

    Danke, Christian, für dein Eingehen auf meinen Text.
    Als erstes und wichtigstes fällt mir an deiner Entgegnung auf, dass die Hauptpointe meines Gedankengangs dir so abseitig erscheinen muss, dass du sie einfach in deinen Antworten beiseitelässt, ich bilde das mal kontrastiv auf zwei deiner Antworten ab:
    ICH würde nämlich sagen, entsprechend meinen Vorgaben…
    … dass es vor allem TECHNOLOGISCHER Keimformen bedarf (nur eben nicht auf der Ebene der Prod.kräfte, sondern der der von mir sog. Prod.architektur), und genau DARUM spätestens (jenseits aller Wünschbarkeit und utopischen Träume (die die Menschheit laut Marx immer schon hat, bevor ihre Verwirklichung auf der Tagesordnung steht) auch der dazu passenden Vergesellschaftung(s-Keimformen);
    … dass im Zusammenhang mit der Kategorie „Prod.kraft-Entwicklung“ vor allem die Frage aufzuwerfen ist: Ob deren Fortschritt in Form immer neuer Varianten aufeinander aufbauender „Prod.KRÄFTE“ (Technologien) überhaupt noch als Fortschritt anzusehen ist, und nicht so sehr, ob dieser imo höchst zweifelhafte Fortschritt einen sozialen Automatismus in sich trägt.
    (Wobei die Frage, was muss von selbst passieren, damit davon ausgehend erstmals etwas gewollt werden kann und wird, und wer sind eigentlich die Träger dieses Willens, wie kommt er AN ihnen (durch immer nochmal eine ursprünglichere Willens-Bildung?) zustande? eine höchst wichtige und zugleich derzeit völlig unbeantwortete ist.)

    Die Weg/Ziel-Debatte ist natürlich mit diesen Themen innig verwoben.
    Kann sein, dass sie sich auflöst in verschiedene Stränge, die im Zusammenhang mit den von dir verlinkten Beiträgen weiter voranzutreben wären, darum hier nur diese Andeutungen:

    a) Jede Ethik-Fragestellung setzt „Konflikte“ (sofern es nicht um eine rein analytische (ah…. gibts das?) Güter-Ethik geht) als unvermeidlich zu erwartende (du, Christian, sagst sogar: erwünschte!?) voraus. Warum genau? Wie ist Wollen, Planen, Befürworten, Sich-Entschliessen beschaffen, derart dass man damit so sicher rechnen muss, umgekehrt, wann müsste man nicht mehr?

    b) Ganz gleich, ob vulgär(marxistisch) oder elaboriert: Ich sehe die Frage von unser aller  „Exklusion“ von der Verfügung über „unser“ aller Prod.mittel allein schon aufgeworfen durch unsere Abhängigkeit von 100tausend Expertenkulturen. Wie sollen wir „unsere“ Produktion STEUERN, wenn wir sie nicht im ganzen überblicken? Der Verrücktheit des Kapitalismus „GERADE WENN UND WEIL mans nicht überblickt, klappt Planung um so besser“, glauben wir doch nicht mehr; wie aber dann?

    c) Falls dein Vertrauen in moderne Wissenschaftssysteme (insbesondere die Bio-Wissenschaften) noch nicht erschüttert ist, stehen dir vielleicht (darauf beharre ich einstweilen) noch einige Überraschungen bevor. Die haben ganz gewiss mit dem zu tun, was auch im und hinter dem Kapitalismus als System illusionärer Erwartungen am Werk ist: Naivster Optimismus, autoritäre Gläubigkeit, Selbstimmunisierung (bis hin zur Selbstgefälligkeit), Routinebetrieb, mangelnde Kontrolle von aussen (stattdessen „Peer (!)-Review“) uvam. Daneben und als Entsprechung dazu: argument- und haltlose Wissenschaftsskepsis, völlige Unkenntnis der Prinzipien der Wissenschaftsdisziplinen, autoritäres Zutrauen in „Gegen-Experten“ usw.
    All dies sind Symptome einer (ursprünglichen? nie behobenen?) Verwahrlostheit sich für aufgeklärt haltender Diskurse, die aber für sich bereits einer Konsensfindung auf zwangfreier („inklusiver“) Grundlage diametral entgegensteht.
    Aber gut… wenn ausgerechnet „Konflikt“ (wie wärs stattdessen mit „Klärung, Verständigung“?) wünschenswert sein soll…

    Also spitze ich es auf 2 Kernthesen zu:
    1. Das Schlüsselthema ist die (Re)PRODUKTION(sweise), und erst von der ausgehend dann die Vergesellschaftung.
    2. Wenn dies ernstgenommen wird, schrumpft die Option für einen Fortschritt überhaupt (Übergang UND Ziel) auf einen bestürzend schmalen und extrem engen Pfad zusammen, bei dem man sich (s.o.) durchaus fragen kann, wer je aufgrund welcher (nicht geplanter, sondern von selbst (aber wie?) zustandekommender) persönlicher Voraussetzungen den höchst unwahrscheinlichen Entschluss fassen sollte, ihn (mit wenigen andern zusammen) zu beschreiten?

    Es ist völlig klar, dass damit nur einmal Gegen-Auffassungen zu den meisten gut eingeführten radikal-linken formuliert sind – aber das ohne jede Begründung (die hat etwas mit der individuellen und gesellschaftlichen Wissens(erwerbs)-Organisation und ihren Prinzipien zu tun, wie hier und im ersten Beitrag oben angedeutet. Es ist damit die Frage gestellt, ob man solche Auffassungen hier bei keimform nicht als völlig abseitig von vorneherein verwirft. Denn dann.. würde ich natürlich auch nicht weiter nerven wollen mit meinen eigensinnigen Überlegungen.)

    PS: Man wäre im Marxforum vermutlich erstaunt zu lesen, dass die dort vorgeschlagenen  „kommunalistischen“ Entwürfe („Kommune Bochum“) KEINE dezentral-stigmergischen sein sollen. Das Dezentrale ergibt sich dort aus der Beschränkung auf die (Stadt)Gemeinde, als Haupt-Reproduktions- und Planungseinheit, sowie der Zuordnung von individuellen (in der Folge als gesellschaftlicher Bedarf aufsummierten) Konsumwünschen zu ebenso individuellen (ebenso zu „gesellschaftlicher Arbeitsbereitschaft“ gebündelter) Leistungsbereitschaften, die aber angesichts bestehender (als ziemlich feststehend betrachteter) Produktivitäts-Kennziffern rechnerisch und in sukessiven Aushandlungsprozessen aufeinander abgestimmt werden müssen.
    Hier liegt die Dezentralität vor allem in der Freiheit der „Haushalte“, über ihr Arbeits-Budget zu verfügen; die Produktionsstruktur ist als starr und relativ unveränderlich dabei vorausgesetzt. Eine Betriebs-, Projekt- und Community-orientierte „stigmergische“ Organisation wiederum (wie im TE Beitrag oben) lässt den Produzenten an den Stellen, an denen sie mitwirken, Freiheit der Verfügung über das winzige Fragment des gesellschaftlichen Produktionsmittel-Apparats, mit dem sie arbeiten; von geplanter, informierter oder gar konsensuell gesteuerter Verfügung über den ZUSAMMENHANG allein der Produktionsstätten, geschweige denn etwa (wie im Marxforum-Modell) dem zwischen Gesamtarbeit und Gesamtkonsum Einzelner kann da aber keine Rede sein.
    Mein Vorschlag ginge in eine ganz andere, dritte (aber ihrerseits durchaus dezentral-stigmergisch zu nennende) Richtung, die, wie ich meine, der Marx-Formel für kommunistisches Produzieren weit eher als alles andre entsprechen würde, wonach im Kommunismus „die Entwicklung JEDES Einzelnen die Bedingung für die Entwicklung aller ist“. Heisst, in meiner Interpretation: Jeder kennt die Prinzipien der geselllschaftlichen Produktion, an der er teilnimmt, soweit, dass er sie jederzeit beurteilen und sich mit andern darüber verständigen kann. Wie konkret könnte dies Prinzip im Sinne bisheriger keimform-Diskussionen umgesetzt werden?
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franziska (02.06.2015, 12:57 Uhr)

    Ok Martin, konkret (aber bitte nicht zu ungeduldig; hier ist viel Kontroverses involviert, das nur allmählich im Zusammenhang entfaltet werden kann):
    (a) Wir sprechen hier nicht über Neu-Entwicklungen über einen bereits funktionierenden Zustand hinaus, sondern über hoch- (und vielleicht nicht beherrschbar) arbeitsteilig organisierte Reproduktion, also Lebensnotwendigkeit. „Stigmergie“ bekommt da auf einmal was Frivoles: den lebensnotwednigen Nachschub produziert, wer Lust dazu hat? Oder… wer (als Einzelner) den (gerade dringlichsten) Bedarf kennt und erkennt? Dau müsste er/sie die gesamte Produktion überblicken. Und da fällt mir auf:
    (b) Nur Rohstoffe werden für „materielle Produktion“ benötigt – und es kann nicht alles einfach schnell mal kopiert werden? Ja in der Tat – weil es eben auch noch eine (derzeit) gigantische und globale Infrastruktur an Produktions- und Arbeitskapazitäten (und -bereitschaften) braucht.
    Tatsächlich sprichst du ja über Produktionsmittel oben #5 – aber alles, was du sagst, unterschlägt entweder das Unübersehbar-Riesenhafte der derzeitigen Infrastruktur, oder es läuft auf eine raffinierte und dann technologisch innovative Strategie zur Vereinfachung der „Produktions-Architektur“ hinaus. Dazu also:
    (c) Ich „fuchse“ mich grade eben allmählich in eure vorangegangenen Debatten „rein“, und da fällt mir (speziell in Christians „Utopien“) ein Stilmittel auf, das man als Passiv bzw. Präsens utopicum bezeichnen könnte: Es WIRD soundso gemacht (wenn Subjekte genannt werden, dann sind es speziell benannte Räte und Projekte; dh.  jemand, der zuständig ist (im Sinne von Kant: Du kannst, weil du sollst!)); und: Es IST vorhanden (Transportsysteme, Universal-Nutzgeräte). Der eigenartigste Ausdruck war der in Christians Artikel über die zur Nebensache werdende Produktion (Teil 2, Abs. „Ressourcen und Konflikte“): Refeeding-Projekte. Dass der utopisch-technologische Riesenapparat an Transportmitteln und commons- oder individuell verfügbaren höchst-produktiven Produktionsmitteln, mit dem man all das dort Ausgemalte machen kann, auch noch REPRODUZIERT werden muss, scheint da völlig vergessen. Es gehört einer offenbar unbestimmten Vergangenheit an,  in der das alles ein für alle Mal hergestellt „ist“.
    Soweit ich bereits etwas wie eine auf dieser website in etwa vertretene Konzeption erkennen kann, scheint mir dies mehrfache Ignorieren der Notwendigkeiten von RE-Produktion von Produktionsmitteln und der dabei bereits ihrerseits benötigten industriellen Infrastruktur (imcl. Gesamt-Arbeitsmenge) der auffallendste blinde Fleck.

    Aber der beschädigt eben auch die soziale Utopie – etwa die Idee der stigmergischen Arbeitsorganisation, da, wo es nicht bloss um optionale Entwicklungsaufgaben geht (die jederzeitige Anschliessbarkeit für jeden, naja Experten, ist eine Fragwürdigkeit für sich).

    Kurz ein Vorschlag, falls die Diskussion weitergehen soll:
    Jeder Einzelne ist heutzutage und auch in Zukunft konfrontiert damit, dass sein Lebensentwurf eingewoben ist in den arbeitsteiligen Zusammenhang, beinah möchte man im Globalisierungs-Zeitalter sagen: der gesamten Menschheit. Was in SEINEM Leben zusammenhängt, wird durch den Zusammenhang mit andern zerrissen: Seine Lebenstätigkeit ist AUCH eine Leistung, ein Beitrag, und wird so aufgegriffen; seine Lebens- und Erlebens-Möglichkeiten hingegen hängen ab vom Zugang zu Leistungen anderer. Es ist offenkundig das gemeinsame Anliegen aller hier Schreibenden, einen Zustand herzustellen, wo dieser Zusammenhang Zwang- und speziell Eigentumsfrei eingerichtet ist.
    (Man sollte sich (oder zB den im Marxforum Scheibenden, @ libertär), diese erklärte Absicht nicht reflexhaft wechselseitig absprechen, bloss weil die Vorschläge andere sind.)

    Grundsätzlich gibt es drei (meist kombinierte) Strategien, um das umzusetzen:
    (ia) man macht den Zusammenhang kleiner (Dezentralität: Regionalisierung, Kommunalisierung, Individualisierung (3D-Drucker, Selbstversorgung usw)
    und/oder
    (ib) „beherrschbarer“ (Verständigung, Vermittlung, Konsensfindung, anerkannte „ethische“ Prinzipien);
    (ii) man vergrössert (zB technologisch) die Optionen der Beteiligten, ihre individuelle Besonderheit (Präferenzen; zB (bedingte und unbedingte) Leistungssbereitschaft, qualitativ und quantitativ) im Rahmen des bestehenden Zusammenhangs umzusetzen;
    (iii) die (von ihnen selbst so gesehenen) Interessen der Beteiligten konvergieren real, „werden erfolgreich (aber zwangfrei) dazu gebracht zu konvergieren“ (ihre Besonderheit und daraus resultierende Konflikte bzw. Konkurrenz von Anliegen verschwinden).
    (Ist diese kleine, wenn auch sehr abstrakte Systematik vollständig?)

    Das alles geschieht unter (Rand)Bedingungen seiner Umsetzbarkeit:
    A. materiellen:
    Ressourcen (geophysikalisch, mineralisch, biogen, human/sozial, individuell, historisch),
    Risiken (zB ökologische),
    Wissen und Können (technologisch),
    Anordnung vorhandener Potentiale zu gegebnen Zwecken (mein Ausdruck „Produktionsarchitektur“ s.o.)
    B. sozialen:
    Aussenverhältnis zu andersdenkenden Bevölkerungsgruppen;
    reales Konflikt-Verhalten (in der Binnengruppe und im Aussenverhältnis);
    Ausmass nicht-konfliktträchtiger Differenz (in der Binnengruppe und im Aussenverhältnis)
    (fehlt was?)

    Mit dem Wort „Strategie“  ist dann auch der  Zusammenhang von Zielvorstellung und Übergangs-Dynamik“ berücksichtigt, um den es ja wohl in Martins Beitrag gehen sollte. In den Kategorien dieser Systematik gedacht, lauten meine Einände somit:
    Die Anforderungen einer – speziell im Rahmen von ii. einzusetzenden Hochtechnologie nötigen – industriellen Reproduktions-Infrastruktur (von Ressourcen ganz abgesehen) scheinen mir ignoriert zu werden; und:
    wenn das stimmt, sind angesichts der nötigen zeit-abhängigen Liefer-Zusammenhänge in einer solchen Industrie stigmergische Strategien für die Arbeitsorganisation nicht funktionsfähig.
    (Anm. Ich habe hier Zahlen gelesen von „10% des Gesamtarbeitseinsatzes für die Beschaffung von Produktionsmitteln leisten“. Soll das eine Schätzung der organischen Zusammensetzung“ (v-Arbeitsanteil an der Gesamtarbeit zu c-Arbeit, Arbeit nötig zur  Arbeitskraft-Reproduktion im Verhältnis zur Arbeit für Prod.mittel-Reproduktion, bei gegebnem Prod.mittelapparat) etwa der derzeitigen Industrieproduktion sein?)

    Für den „Übergangs“-Anteil an der Gesamt-Strategie bedeutet das: Sobald „materielle“ Produktion beteiligt sein soll, muss Sachkapital (Grund und Boden, Maschinen, Betriebsmittel, Vorprodukte, Fabrikationsräume) in grossem Umfang angeeignet werden. Wie? Zusammengekauft? Geschenkt? Durch Betriebsbesetzung?
    Eine Kühlschrankfabrik (wenn man eine hätte) ist auf Ersatzteile und Ersatz-Maschinen sowie Vorprodukte und Energie angewiesen.
    Die Alternative ist immer: Massive Markt-Abhängigkeit („genossenschaftlich“, syndikatmässig muss Geld verdient werden).
    Wenn Hoch-Technologie in Übergang und Zielzustand vorgesehen ist, sehe ich da leider keinen Weg. (Von der ökologischen Fragwürdigkeit, auf die Hans-Hermann Hirschelmann immer wieder hinweist, ganz zu schweigen. Ist denn „Ökologie“ für dich bloss „modisch“, Martin?)
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franziska (04.06.2015, 13:06 Uhr)

    Martin, danke für diese ersten ausführlichen Hinweise.
    Was glaubst du, wieviel Widerstand erst der Paradigmenwechsel hervorruft, den ICH befürworte.
    Wir (und mutmasslich die meisten andern hier) stimmen doch sichtlich darin überein, dass wir Druck und Zwang ausschalten wollen.
    Mit der groben Richtung der Vorschläge, die bislang auf dem Tisch liegen, habe ich aber folgende Schwierigkeiten – ich stelle aber der Einfachheit halber mal meine eigenen Vorstellungen zum Vergleich daneben:
    1. Es wird (nicht nur hier) meist die letzte Station einer Fertigungslinie (besser: -zyklus) betrachtet. Die Frage: Welche Folgen hat diese Produktionsweise, wird also etwa einzig unter dem Gesichtspunkt ihrer Fähigkeit gesehen, die Prinzipien der commons-Struktur zu unterstützen – in Gestalt des Fertigprodukts „3D-Drucker“. Ich denke hier aber mehr im Sinne der ökologischen Energie- und Ressourcenbilanzen; und das sind ja nicht die einzigen Aufgaben an Integrations-, Budget- und Synergie-Aspekte, die beachtet werden müssen. Sondern auch die kommen hinzu: Senkt ein gewähltes Verfahren, eine Problemlösung auf Dauer die GESAMT-Arbeit, die zur Aufrechterhaltung der gesamten (Re)Produktionsweise nötig ist, in die es eingebaut wird? Ist das Produkt langlebig, sein Gebrauch leicht zu lehren und lernen, wie fügt es sich ins Gesamt der elementaren materiellen Lebenssicherung ein (ist es anschlussfähig)? Sind die genutzten Ressourcen nachhaltig dezentral und zuverlässig verfügbar, welche Transportwege und Abhängigkeiten sind dafür inkaufzunehmen, sind die Fertigungswege weitgehend zyklisch geschlossen, kann auf belastende Emissionen aller Art verichtet werden? Welchen Beitrag zum „ökologischen Fussabdruck“ der projektierten Lebensform liefert dieser Fertigungszyklus insgesamt?
    2. Es gibt noch andere Ansätze als nur die Stigmergie, um mit Komplexität, Art und Befristung von (Leistungs)Anforderungen fertig zu werden – und das wäre, die Fertigungswege vor allem auch darauf abzustellen, dass alle daran Beteiligten sie GERNE und im Rahmen erfüllender Lebensführung beschreiten – was umgekehrt bedeutet, dass man sich in dieser (erfüllenden) Lebensführung auch auf diese Anforderungen einstellt, sodass sie (ganz zwangfrei und authentisch) NICHT als druckvoll und „leider unvermeidlich“ erlebt werden.
    3. Ein*e Produktionsarchitekt*in (in eigener Sache) ist, wie man vielleicht schon bemerkt haben wird, ein*e Künstler*in, und zwar mit streng lokalem Bezug (WO man sich ansiedelt und in welcher Entfernung voneinander, ist da nicht unerheblich): Auf und in einem Gelände, wo man
    – Nahrungsmittel (welche, um möglichst vollständig und gut ernährt zu sein?) dauerhaft zuverlässig erzeugt (unter Berücksichtigung der zu erforschenden Besonderheiten gerade DIESES Geländes; Beseitigung der Beschädigungen, die ihm durch die Vornutzer angetan wurden, der Mängel, die ihm von Natur aus anhaften usw),
    – seinen Haushalt führen muss (mit entsprechenden Konservierungstechniken und Mitteln der bequemen Lebenseinrichtung),
    – wohnt (und seine Behausung erneuern muss, wenn nicht gar neu errichten, und Werkzeuge und Baustoffe benötigt),
    – mit andern solchen Haus-Gemeinschaften zusammen („subsidiär-hierarchisch“) Haushaltsgegenstände/möbel, eigene Werkzeuge und Baustoffe reproduziert (wobei soviel Materialien wiederverwendet werden sollen, wie möglich, die verbrauchten Ressourcen nachhaltig abgebaut werden und emissionsfrei verwendet bzw „entsorgt“).
    Das Prinzip „subsidiär-hierarchisch“ soll besagen: Nur Aufgaben werden von Gruppen in Grössenordnungen gelöst, von denen sie selbständig gelöst werden können; ist das robust und nachhaltig der Fall, und sind Freiräume für weitere Aufgabenlösungen da, wird die nächste Produktions-Ebene im Zusammenschluss der erforderlichen Anzahl von Gruppen der voraufgehenden Aufgaben-Ebene betreten.
    Es illustriert mehr die Grössenordnung, als dass es als seriöse Einschätzung auftreten könnte, wenn ich sage:
    Die (dezentral-autarke Lösung der) Aufgabe „Essen“ kann im Bereich von (Haus- und Anbau-)Gemeinschaften mit 10 Personen gelöst werden.
    Die (dezentral-autarke Lösung der) Aufgabe „Wohnen“ mit 100 (Renovieren, ev. Bauen)
    Die (dezentral-autarke Lösung der) Aufgabe „einfache Geräte herstellen und (Ermöglichung von) Verfahren der Haushalts- und Lebenseinrichtung“ mit 1000.
    Die (dezentral-autarke Lösung der) Aufgabe „einfache Produktionsmittel: ua. Metallbearbeitung; einfache Grund- und Baustoffe“ mit 10000.
    Die (dezentral-autarke Lösung der) Aufgabe „komplexe (raffiniertes low-tech) Geräte und (Ermöglichung von) Verfahren der Haushalts- und Lebenseinrichtung ua. Bekleidung, Wohn- und Arbeitsmobiliar, Werkzeuge, Behälter/Gefässe aller Art; Grundstoffe dafür (Metall, Chemie, Keramik, Glas ua)“ 100T
    Die (dezentral-autarke Lösung der) Aufgabe „(einfache) Motoren, Maschinen, Ausrüstungen für dezentrale Energiegewinnung, Transportmittel“ 1 Million.
    4. Um diese ihre Architektur zu durchschauen und die sich daraus ergebenden Zusammenhänge kontrollieren zu können, müssen die Produktions-Architekt*innen auch Forscher*innen sein, um nicht zu sagen: Wissenschaftler*innen.
    Die Kernaufgabe beim Durchschauen, Kontrollieren, Wissens-Verwalten wird sein, bei jeder neu hinzukommenden Stufe sich sehr genau darüber Rechenschaft abzugeben, was von den Prinzipien, nach denen sie eingerichtet wird, von ALLEN davon Betroffenen (nämlich den Mitgliedern der Gruppen, die diese Stufe aufbauen) gewusst und (im Konsens) mitgetragen werden muss; und was als indifferentes Ausfühungsdetail gelten kann, das den unmittelbar auf der Stufe Tätigen zur näheren Bestimmung überlassen bleiben kann. – Vielleicht wird jetzt deutlicher, warum aus DIESER Sicht der „Übergang“ eigentlich ein AUFBAU ist, der für die erreichbaren Zielniveaus konstitutiv ist.
    5. Nochmal: Produktionsarchitektur bedeutet: Die sinnvolle Auswahl und Anordnung von verfügbaren Produktions-Verfahren wird bezogen auf kollektive Zwecke bzw. Aufgaben und Randbedingungen ihrer Lösung, denen sich die Produzenten im Kollektiv SELBST stellen müssen, und die vor allem – mit Blick auf die vielfältigen Anforderungen, denen eine solche Produktion genügen sollte – INTEGRIERT, alle zugleich angegangen werden müssen – bezogen auf eine gemeinsame (kollektive, gesellschaftliche) (Zusammen)LEBENSFORM. Das bedeutet oftmals, anders als in rein auf ein isoliertes technisch definiertes Ziel zuarbeitenden Aufgabenlösungen, „suboptimale“ oder Kompromiss-Lösungen – optimiert ist die Lösung eben nur im Bezug auf die Gesamtheit der Anforderungen, denen man (mit gegebner Priorität) gerecht werden muss oder will.
    6. Die höchste Priorität und Quelle für die meisten Abstriche an technisch möglicher Brillianz und Lebensstandard wird die Reduktion der notwendigen Arbeitszeit sein. Denn die Angehörigen dieser Lebensform haben neben ihrer produktiven Lebenseinrichtung eine gewaltige weitere Aufgabe zu lösen, derart dass es im Leben jedes einzelnen von ihnen Platz hat: Sie müssen sich über die Besonderheit ihrer Stellung in der zeitgenössischen Gesellschaft klarwerden, und Wege finden, diese ihre Besonderheit abzubauen, indem sie das, was ihre Fortgeschrittenheit begründet, den je nächststehenden Aussenstehenden vermitteln lernen.
    Auch dieser Prozess muss von JEDEM Einzelnen mitgetragen werden können. Die kognitive Fortgeschrittenheit der Gruppe besteht in der JEDES Einzelnen, ausnahmslos. Und auch hier ist auf das Sorgfältigste zu unterscheiden zwischen dem, was ALLE gemeinsam haben müssen, und was indifferente Variante und Besonderheit ist, die Einzelnen und in kleineren Gruppen bewusst sein muss, anderen aber nicht. Auch hier gibt es vielleicht so etwas wie eine Kernaufgabe, der sich ALLE überhaupt stellen müssen, ohne das an „Verantwortliche“ oder „Experten“ delegieren zu können: Das ist die Definition der Richtung, in die ihrer aller Fortschritt gehen soll; nach was geforscht werden, womit man rechnen und worauf man vorbereitet sein soll: Politisch-kulturell, technisch, ökologisch…
    7. Mit anderen Worten: Die gesamte wachsende Gruppe LERNT KOLLEKTIV und verarbeitet die für alle wichtige Erfahrung, die an IRGENDEINER Stelle von Einzelnen gemacht wird, GEMEINSAM (ist dazu in der Lage, das zu tun).
    8. Dem dient ein wichtiger weiterer Gesichtspunkt der Gesamteinrichtung: Die Angehörigen jeder Gruppe können (am Ende: weltweit) reibungslos in jede andere wechseln; die Praktiken und Wissensbestände an jeder Produktionsstätte sind so dokumentiert, dass jeder neu Hinzukommende sie sich schnell aneignen kann. Üerall werden Reserven gehalten, um zwanglos Leute von anderswoher aufnehmen zu können. Die Gemeinschaften sind also im Idealfall ZUGLEICH extrem ortsständig UND mobil.
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    So – das ist eine Gröbst-Skizze des Paradigmas, das mir vorschwebt. Es ist, wenn wir darüber reden, noch eine weitere Schwierigkeit zu beachten, ich führe sie immer wieder an, aber sie wird leicht in meinen Beiträgen überlesen: Wenn man Vorschläge macht und etwas befürwortet, muss man sich vielleicht auch mal der Frage stellen (Marx hat es ua getan), welche Leute eigentlich da draussen dazu disponiert sein könnten, aufgrund ihrer Lage, die sie sich nicht selber wählen konnten (sondern in die sie als Resultat eines ungeplant verlaufenden historischen Prozesses geraten sind), solche Vorschläge zu befürworten, sich zueigenzumachen und auszuführen. Die meisten Linken machen sich sehr wenig Gedanken darüber, wie es kommt, dass manche links sind wie sie und manche nicht.
    Ich bin der Meinung, dass es Gruppen von Leuten gibt, die für das „Paradigma“ anfällig sind, und zwar in dem Sinn, dass sie selber draufkommen und es umsetzen; es muss also nicht von irgendwelchen „Erfinder*innen“ wie mir erst verbreitet und an sie herangetragen werden. Mit andern Worten: Ich spreche da über eine historische Bewegung, die durchaus schon begonnen hat, und der ich die vorsichtige Prognose stelle, dass sie (wenn überhaupt Fortschritt möglich ist) die Oberhand bekommen wird – genau aus dm Grund, der in der historisch-materialistischen Arbeitshypothese des jungen Marx dafür benannt war: Ihr (fortgeschrittenes) Produktionsverhältnis ist das einzige, das der nächst sich stellenden materiellen Produktionsaufgabe gerecht wird. Diese seine Überlegenheit erweist sich schlagend, und sorgt dafür, dass seine Verallgemeinerung und Durchsetzung (wenn der historische Prozess nicht an dieser Stelle zum Stillstand kommt oder zurückgeworfen wird) beste Chancen hat.
    Über die Formen der „Aneignung“ (mein Vorschlag: Stiftung und Schenkung) und des Sich-Verhaltens in und zu einer nach gänzlich anderen Prinzipien eingerichteten sozialen und Produktions-Umgebung müsste natürlich noch viel mehr gesagt werden.
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franziska (08.06.2015, 10:34 Uhr)

    Danke für deine Antworten, @Christian #17

    Wir sind uns bei zwei wesentlichen Zielsetzungen allem Anschein nach einig:

    – alle Formen von „Mastermind“-artiger Arbeitsteilung und -Hierarchie vermeiden (ich habe immer wieder das Prinzip „das (nach Auffassung jedes/jeder Beteiligten) Wesentliche gekannt, begriffen, im Konsens mitentscheidbar von jedem/jeder Beteiligten)“ benannt);

    – Konflikte vermeiden durch die angenehme und druckfreie Art der Lebensführung, die die Beteiligten einander wechselseitig durch die Art ihrer gemeinsamen LebensEINRICHTUNG ermöglichen (freie („disposable“), erfüllte und sinnvoll nutzbare Zeit für Produzierende gewinnen ist nicht nur kein kapitalistisches Programm – es ist vielmehr explizit der Haupt-Gewinn, den sich zumindest Marx vom Übergang zum gesellschaftsweit eigentumsfreien Produzieren versprach).

    Extrem schwierig und strittig sind hingegen die Wege und Mittel der Umsetzung dieser Ziele – spätestens (und da endet womöglich die Übereinstimmung), wenn sich die Ausführenden dabei mit weiteren (objektiven?) Herausforderungen konfrontieren: Die sehe ich als so erschwerend, dass sie nach meiner Überzeugung  für eine ganze Epoche lang den schmalen Pfad der je nächsten („Übergangs-„) Massnahmen selbst noch für SEHR grosse intern eigentumsfrei-commons-organisierte Kollektive bestimmen werden.
    Das durchaus angenehme und erfreuliche sowie von ALLEN Einzelnen in allem Wesentlichen mit-getragene, mit-entschiedene gemeinsame Tun muss auf lange Zeit ZUGLEICH auch noch Notwendigkeiten gerecht werden, denen man erst nach Absolvieren dieser Übergangs-Epoche (aber Epochen haben nun mal leider „epochale“ Dauern!) nicht mehr in diesem Ausmass genügen muss. Weshalb man DANN sich Zielen wird widmen können, für die leider heute noch lang kein Platz ist. (Mein Prognose-Tipp für die Haupttätigkeit der übernächsten Epoche: Erforschung der Biosphäre und unserer Stellung in ihr).

    Ich vermute, dass du, Christian, die Ironie garnicht bemerkst, wenn du ausgerechnet bei mir das Beispiel einer natur-artig (wirklich? was ist mit den Materialien, die ständig zugeführt werden müssen?) sich selbst reproduzierende Technologie (RepRap-Projekt) anführst. Wie wäre es denn, wenn mans zur Abwechslung gleich mit dem Original einer solchen Technologie probieren würde – einer direkt Natur-basierten nämlich? In der Nahrungsmittelproduktion kommt man ja derzeit darum noch nicht herum. Bloss: Wenn das ganze arbeits- und ressourcensparend, ALSO ZUGLEICH möglichst markt-unabhängig stattfinden soll, steht man vor einer völlig neuen technologischen Aufgabe, deren Lösbarkeit sich nur ganz von ferne (und ähnlich vage wie bei manchen der IT-Lösungen, die hier bei keimform erwogen wurden) andeutet. Das Problem ist mit dem Ausdruck „Permakultur“ mehr umschrieben als erledigt: Es soll die Eigenschaft eines künstlich installierten Ökosystems genutzt werden, sich mit möglichst wenig Eingriffen (zB biologischer „Schädlings“-Bekämpfung) selbst zu reproduzieren und zu stabilisieren, und das
    – unter Einbeziehung sovieler Nutzpflanzensorten wie möglich
    – auf engem Raum
    – mit viel Reserve-Spielräumen (zur Mitversorgung anderer Gruppen bei Ernteausfällen)
    – nachhaltig
    – ressourcenautark
    Die Kenntnisse und Erfahrungen, die für solch eine Lebenseinrichtung nötig sind, existieren zu grossen Teilen allenfalls in Ansätzen – und das sind Ansätze, die sich hauptsächlich stützen auf sorgfältige Beobachtung und Erprobung LOKALER Naturzusammenhänge, nicht zuletzt auch die Natur der Bewohner*innen in Gestalt der Anforderungen an eine dauerhaft gesunde vollständige Ernährung. Dieser Ernährung vorgelagert ist die der Nutzpflanzen, genauer: des Bodenlebens, mit dem diese Nutzpflanzen im Rahmen des einzurichtenden kleinen Ökosystems ihre eigene Ernährung bestreiten. Weshalb die (agrarwissenschaftlich leider derzeit nicht befriedigend beantwortbare) Frage der nachhaltigen Bodenfruchtbarkeit und Pflanzengesundheit den Dreh- und Angelpunkt dieser ganzen Anbauweise bildet.
    ((These: Nicht Informatik oder auch Gen-, KI- und Hirnforschung sind die epochalen Schlüsseldisziplinen, sondern die ökologisch orientierte Agrar- (und Forst)wissenschaft (und die biologisch fundierte Ernährungswissenschaft als deren Fortsetzung; doch, Christian, vollständige Ernährung aus relativ kleinen Flächen KÖNNTE seriös möglich sein!).))

    Die Kultur- (im ursprüglichen Sinne von: Anbau-)Technik, die auf ein solches (immer wieder sehr stark auf lokale Besonderheiten konzentriertes; es geht nicht anders) Wissen aufbaut, erweist sich womöglich schon bald nicht nur als die einzig zukunftsfähige; sie ist ist auch – wegen der ständig zu beachtenden systemischen Zusammenhäge beim ökologischen Produzieren! – garnicht anders zu betreiben als in den eigentumsfreien Formen kollektiven Lernens und der Produktions-Organisation, die die Peer-economy ausmachen. Genau DA also kommt eine materielle Basis-Anforderung mit einem für sie unerlässlichen Übergang im Produktionsverhältnis zusammen. Und so geht das weiter, wenn die nächst-höheren Produktionsstufen angegangen werden, das bau-ökologische Renovieren etwa mit lokal verfügbaren (uU selbst angebauten) Rohstoffen (ich sagte ja: Das Renovieren ist schon Aufgabe genug für die ca. nx100 Bewohner einer kleinen Ansammlung benachbarter Anbau-Gemeinschaften; die Beherrschung sämtlicher nötiger Gewerke beim Neu- „Bauen“ käme erst später, in grösserem Rahmen).
    Die Bau-Ökologie ist, nach Aussage der Leute in meiner Umgebung, die sich darum kümmern, eine Domäne mit unendlich mehr Fragen als Antworten.
    Und so der Aufbau einer „raffinierten low tech“-Technologie, abgestimmt auf die Aufgaben, die sich aus der Lebensführung der vernetzten Hausgemeinschaften stellen…
    Denn das ist die Frage, die immer und immer wieder die technischen Aufgabenlösungen, die da gefunden werden sollen, bestimmt: Sind sie vereinbar mit bedürfnisgerechter Lebensführung der Nutzer, ihren Handlungsspielräumen und Leistungsgrenzen – und somit vereinbar mit ihrer strikt egalitären Sozial-Organisation?

    Und dann, nicht zu vergessen: Sind sie vereinbar mit der derzeit und auf lange Zeit hinaus wichtigsten aller Aufgaben, für die die gesamte derzeitige Lebenseinrichtung bloss Mittel ist, nämlich dieser: Die Angehörigen der eigentumsfrei organisierte Gemeinschaft müssen ihre Reproduktion so organisieren, dass sie dabei Zeit und Musse haben, ihre Stellung in der umgebenden Gesellschaft zu begreifen ,und die aus dem erarbeiteten Verständnis heraus sinnvoll erscheinenden Strategien zu entwerfen, sich aktiv in und zu ihrer sozialen Umgebung zu verhalten.

    Erst recht nicht zu vergessen ist, dass dies alles keine Empfehlungen oder Wunsch-Szenarien sind – eher sind es „bedingte Prognosen“. Die allgemeine Bedingung für deren Geltung könnte umschrieben werden mit: Wenn es überhaupt einen Fortschritt gibt; wenn es überhaupt (noch) vernünftig zugeht und weltweit genügend Entwicklungsspielräume übrig sind – DANN und NUR DANN ist zu erwarten, dass diesunddies geschieht.

    Die (theoretische) Frage: Was wären das denn für Leute, von denen zu erwarten ist, dass sie diese Entwicklungsschritte machen? ist damit nicht einmal im Ansatz beantwortet.

    Und vielleicht… wird mit diesem Beitrag nochmal deutlich, in wie viele verschiedene (Klärungs-Bedarfs-)Richtungen, technisch, organisatorisch, theoretisch, politisch, diese Entwicklungs- und Übergangstendenzen zeigen – wenn an dem, was ich sage, etwas dran ist. („Übergang“ (wie in diesem thread) ist also da das zentrale Thema…)

    PS: Noch eine unfreiwillige Ironie: Ausgerechnet der bislang, soweit ich sehe, hier am wenigsten in Betracht gezogene Faktor erweist sich in der Praxis real sich gründender „Keimform“-Gemeinschaften als der limitierendste: Das Gelingen des reibungs- und konfliktfreien Gemeinsam-Lebens und materiellen -(Sich Re)Produzierens. Das ist die erste Engstelle, durch die jedes gemeinschaftliche „Projekt“ durchmuss – und es ist die, an der die meisten Real-Gründungen derzeit scheitern. Weshalb die Frage nach den Leuten, denen das (warum?) gelingt, und die danach, wie sie ihre Errungenschaft an andre gelange lassen könten, (theoretisch) um so bedeutsamer ist…
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franziska (18.06.2015, 12:38 Uhr)

    @Christian #19
    1. Da war ein kleines Hin und Her, inwiefern „Arbeit reduzieren“ wollen eher „kapitalistisch“ motiviert ist, das können wir uns sparen, stattdessen stimmen wir einmal mehr darin überein, dass alle produktive Tätigkeit in jedem Falle „attraktiv und erfüllend“ sein soll (und auch kann). (Was allerdings nichts weniger als selbstverständlich ist und hinsichtlich seiner Notwendigkeit (inwiefern gehts auf Dauer nicht ohne solche Erfüllung und Attraktivität?) als auch Realisierbarkeit (geht das überhaupt?) zu weitreichenden Überlegungen herausfordert.)  Die Frage ist, ob solche (und nur solche) Tätigkeit dann noch weiteren Anforderungen genügen kann, oder sogar muss; beides voraussetzend, fahre ich fort: Der rein reproduktiven Zwecken gewidmete Teil dieser Tätigkeit müsste dringend reduziert werden, weil Freiraum gewonnen werden muss, damit das Keimform-Kollektiv als ganzes sich in und zu seiner sozialen Umgebung sinnvoll verhalten kann.
    2. Nicht: Die Technologie ist Voraussetzung der Keimform, eher war das Umgekehrte behauptet. Bloss war hinzu- und vorausgesetzt: Die Entwicklung dieser sehr passgenauen (Agrar)Technologie ist (aus ganz anderen, handfest materiellen Gründen, die für die Rest-Gesellschaft ebenso zwingend sind) ZUGLEICH eine extrem dringende AUFGABE (und These war: nur intern zwang- und eigentumsfrei organisierte und kollektiv lernfähige Gruppen können sie lösen). Die Aufgabe muss aber auch mit Blick auf die anderen Anforderungen, denen dies Kollektiv gerecht werden muss, effizient (hier vor allem: arbeitssparend, vgl. 1) gelöst werden.
    3. Schon der Betrieb einer radikal-ökologischen Selbstversorger-Landwirtschaft (mit Überschüssen und Reserven) erfordert Zusammenwohnen und Zusammenarbeiten; alle weitergehenden kollektiven Tätigkeiten, vor allem die ständig aufrechterhaltene interne Verständigtheit einer wachsenden Gruppe, die sich zwang- und hierarchiefrei, also strikt egalitär, und zugleich kollektiv koordiniert, immer grösseren Herausforderungen (eben keineswegs technischer, sondern sozialer und generell kognitiver Art) stellen muss, erfordern ein extrem hohes Niveau an (zwangfreier) Konsens-Bildungsfähigkeit und Verständigung.
    4. Ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass ich hier (sehr vage, sehr allgemeine und insofern höchst erläuterungsbedürftige) THEORETISCHE Aussagen vortrage, die allenfalls auf (bedingte) Prognosen hinauslaufen. Nicht hingegen spreche ich Empfehlungen aus oder äussere mich zur Frage, was mir für mich oder andre wünschbar erscheint. Dabei bin ich mir zumindest einiger Probleme bewusst, die sich mit der von mir in verschiedenen Varianten benutzten Redefigur „eine objektive Aufgabe stellt sich“ verbinden. Ebenso ist mir relativ klar, dass Leute hier oder anderswo, die die angeblich objektiven Aufgaben nicht für solche, oder nicht für vordringliche, oder wenn, dann für bereits gelöste halten (zB agrartechnologisch), sich nicht unbedingt mit den Details werden auseinandersetzen wollen, die mir dazu einfallen.
    5. Mein Einwand gegen das, was hier auf der Seite zumindest unter dem Titel „Stigmergie“ bislang diskutiert wurde, bleibt bestehen: Dass ihr allem Anschein nach Problem- und Aufgabenlösungen innerhalb (auch grösserer) eigentumsfreier Kollektive sehr stark zerlegt seht in voneinander unabhängige Stränge, bei denen auf beinah jeder Entscheidungsebene längst Konsens über die je zu verfolgenden Ziele herrscht, sowie alle vergangenen Problemlösungen von später Kommenden anstandslos akzeptiert sind. So ist dann einzig die Definition des „je nächsten Problems“ durch den Absolventen des Schritts davor fällig. Problemlösungen müssen des weiteren weder zeitlich aufeinander abgestimmt werden, noch konkurrieren sie um Ressourcen – Probleme mit Koordination, Integration, (schmerzlicher oder riskanter) Prioritätensetzung entfallen. Die einzigen Entscheidungen, die überhaupt noch getroffen werden müssen, sind die entsprechend qualifizierter und/oder ausgestatteter Individuen (das sind sie offenbar von sich aus – Qualifizierung und Produktiosmittel kosten keine Ressourcen?), welche Aufgabe sie sich herauspicken aus denen, die für sie im Angebot sind. Die Sorglosigkeit, mit der darüber gesprochen wird, erinnert an die der Marktwirtschafts-Fans – bloss, dass die zusammen mit dem wahnwitzigen Versprechen von Freiheit, Fortschritt, Selbst-Steuerung ihren Adressaten noch glauben einige bittere Pillen verabreichen zu müssen in Gestalt von Ungleichheit, Klassengesellschaft, sowie der Konkurrenz und des möglichen Misserfolgs in ihr. Das Keimform-Konzept hier kommt mir vor wie eine konzeptuell von allen Härten befreite Marktwirtschaft – das Problem auch bloss der Koordination kollektiv organisierter Tätigkeiten in einer hoch-industrialisierten, hoch-arbeitsteiligen industriellen Basis für all die individuelle (!) Verfügung steigernden dezentralen Einrichtungen (Energieproduktion, 3D-Drucker) kann man offenbar schlicht vergessen. Die reproduzieren sich im Zweifel selbst – wenn nicht schon „längst“, dann sicher „bald schon“.
    6. Oder ist es so: Wo es keine technische Lösung für Komplexitäts-verursachte Probleme mit „Produktionsarchitektur“, -organisation und Konsensfindung gibt – da belässt man es bei den vorgefundenen Produktionsverhältnissen, und lässt als Keimform die Finger davon? Inwieweit ist das überhaupt ein gesellschaftsweit umsetzbares Konzept?
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Der letzte Beitrag wurde wohl durch einen technischen Fehler nicht mehr angenommen, aber nachdem Christian Siefkes bereits eine gewisse Erschöpfung seiner Gesprächsbereitschaft (beginnen uns im Kreis zu drehen") signalisiert hatte, war er vielleicht auch überflüssig. Er lautete:
@Christian #21
A. "Komplexität" ist bloss EINE Dimension der Aufgabe, die sich da stellt. Wohlgemerkt: Dimension. Denn: Es handelt sich um
(1) komplexe
(2) kollektive Zielfindung im Konsens
hinsichtlich
(3) zeitlich zu koordinierender,
(4) knappe Ressourcen verbrauchender,
(5) risikobehafteter,
(6) ins Leben und die Art der Lebensführung von Massen von Menschen eingreifender Entscheidungen (über ihre kollektiv arbeitsteilig voneinander abhängenden Handlungen)(6),
(7) von denen ihr Leben, Überleben und Lebensqualität komplett abhängen
- alles zusammen und zugleich.
B. Das kollektiv-stigmergische Programmieren eines Betriebssystems mag sachlich eine komplexe Aufgabenstellung sein; aber vergleichsweise einfach lösbar erscheint sie darum, weil die Dimensionen 2-7 dabei bereits anderweitig geregelt sind und/oder keine Rolle spielen.
C. Es geht um Vergesellschaftung; aber man sollte immer dazusagen, WAS hier eigentlich vergesellschaftet ist und werden muss: der materielle Reproduktionsprozess, zu dem, nebenbei, auch die Lebensführung der Produzenten als elementarer Bestandteil gehört (sie müssen können, was sie müssen; und sie müssen (!) auf Dauer Freude am Leben, dem Tun des Gekonnten zu Müssenden, haben). Zu diesem INHALT der Vergesellschaftung scheint es hier bei keimform wenig Klärungsbedarf zu geben - es scheint sich da um ein Spielfeld an (in jedem Fall sinnvolle und Produktions-Erfolg zuverlässig garantierende) Möglichkeiten zu handeln, die man so oder anders gestalten oder wählen kann. Während ich eher einen extrem schmalen Pfad sehe (auf den sich die materiellen Verhältnisse zunehmend einengen), der zu seiner Bewältigung eine eigentumsfreie Vergesellschaftung erzwingt (die darum gelingen muss; was die ua. theoretische Frage aufwirft, wie sie gelingen KANN).
D. Als Kern-Problem sehe ich dabei (unter mindestens modernen Voraussetzungen) an, dass alle (einzelnen) das für alle (einzelnen) reproduktionsrelevante Wissen teilen, es gemeinsam verarbeiten und seine praktische Umsetzung frei von Zwang gegen sich und andre mittragen können.
F. Einverstanden: Wenn wir uns hier bloss mit Wiederholungen nerven (oder überhaupt nerven), sollten wir erstmal aufhören.

ENDE DER BEITRÄGE BEI KEIMFORM



http://neoprene.blogsport.de/2015/08/28/butter-bei-die-fische-r-mats-zur-debatte-um-einen-neuen-sozialismus/

franziska
29. August 2015 um 17:20 Uhr

((Einmal mehr gehts mir hier so, dass schnell weitergeschrieben wurde, während ich noch an meinem Beitrag gearbeitet habe. Darum entschuldigt bitte, wenn das hier etwas unvermittelt einsetzt. Es zielt auch auf die lange Diskussion im thread „Podcast von Theo Wentzke usw“ drüben, die mir zu lang vorkommt, als dass ich da noch sinnvoll einsteigen wollte. Zu den letzten, ein bisschen, nunja, hinzuassoziierten Gedanken der Vorposter könnt ich mich auch äussern. Zu Dietmar Dath WÜRDE ich mich sogar gerne äussern, nur dass ich den Vortrag kaum verstehe, weiss nicht, ob das bloss an meinem Laptop, meinen Ohren oder doch an der Einspielung liegt…))

An den Debatten um die linksradikale Alternative zur bestehenden Produktionsweise fällt mir auf, dass dort beinah ausschliesslich die folgenden Fragen behandelt werden – was zunächst ja sehr verständlich ist:

1. Was ist eigentlich abgeschafft, wenn der Kapitalismus weg ist (das folgt eigentlich aus seiner Erklärung bzw Kritik) – was lässt sich nicht so leicht wegschaffen („Muttermale der alten Gesellschaft“?), was an bleibend Unerwünschtem ist noch da (zB das „Reich der Notwendigkeit“?), und woran kann man anknüpfen bzw was erfreulicherweise übernehmen (Reichtum? Technologie?)

2. Speziell – mit wieviel Dissens unter den Angehörigen der dann freien Produzentenassoziation ist auch dann noch zu rechnen – und wie soll er bewältigt werden?

3. Und noch spezieller, wieviel Ungleichzeitigkeit (wie weit ausgebreitet, räumlich, zeitlich) muss diese Assoziation in ihrer Umgebung aushalten können, um nicht zusammenzubrechen – wie gross muss sie sein, wie zusammenhängend, wie plötzlich (revolutionär) muss sie zustandekommen, und wieviel Ressourcen für ihre Selbstbehauptung in einer feindseligen Umgebung bzw. Überwindung rückständiger Positionen in ihr erübrigen?

Aber diese Fragen drehen sich eben bloss um Prinzipien der Vergesellschaftung; was mich verwundert ist, dass dabei einige Gesichtspunkte garnicht mehr zur Sprache kommen, die immerhin in den frühen Gedankenskizzen von Marx (und Engels) einen doch deutlich hohen Stellenwert hatten, und in denen es um die MATERIELLEN Grundlagen der neuen Produktionsweise geht (speziell auch um die Wechselbeziehung von P.kräften und -verhältnissen in ihr…):

4. Soll da eine Produktionweise auf Basis des erreichten Standes der Produktivkräfte bloss noch eingerichtet werden – oder sind Forschung, Entwicklung, Fortschritt wesentliche Produktionsziele, für die man erhebliche Anteile des gesellschaftlichen Gesamtprodukts reserviert – nach wie vor, oder gar dann erst recht? Vor allem angesichts der vom globalisierten Kapitalismus hinterlassenen zivilisatorischen Gefälle und der zu reparierenden Beschädigungen? (Und, als nicht ganz unwichtiger Teilaspekt: Wieviel von der Technologie einer Produktionsweise wird man eigentlich übernehmen können, die erklärtermassen gleichgültig gegen die Bedürfnisse von Mensch und Natur operierte?)

5. Wenn aber solcher Fortschritt sein soll – wird man seine Gestaltung „Experten“ überlassen (die ja jeder Laien auf den Gebieten aller andern Experten sind); werden die Produzenten „ihre“ vergesellschaftete Produktion halbwegs kennen, durchschauen, beurteilen und auch unter diesem Aspekt nachvollziehen, mit-entscheiden, sich darüber verständigen und sie steuern können?

6. Aber das wirft die Frage nach der „Steuerbarkeit“ der Aufmerksamkeit von Einzelnen auf – eine Frage, die sich „historisch“ nach „rückwärts“ verlängern lässt: Wie sinnvoll ist es, sie zu einer von ihnen selbst zu verantwortenden solchen Steuerung (etwa als „Agitation“) aufzufordern? Und… wenn das an Grenzen stösst: In welchem Umfang ist da ein von aussen (von andern, ofrt auch von ihnen selber: etwa per grundlos-“freiem“ „Willen“) nicht zu steuerndes, „passives“ Moment zu unterstellen im (Um- und Dazu-)LERNEN von Einzelpersonen? (Antworten auf diese Frage sollten dann auch einem Max Beer s.o. weiterhelfen…)

Verwundert bin ich, weil man diesen Fragen unter MATERIALISTEN doch einen hohen Stellenwert einräumen müsste. Warum verlieren soviele diskutierende Linksradikalen DAS MATERIELLE derart aus den Augen? Speziell, wenn sie die Kategorie „Gesellschaft“ in Stellung bringen wie ein Subjekt über den Subjekten, als bestünde die nicht am Ende immer aus Einzelnen, durch deren Interaktionen allenfalls die ganze „Vergesellschaftung“ (mit der es vielleicht derzeit nicht so weit her ist) zustandekommt?

Anm. Ein paar ähnliche Gedanken habe ich hier geäussert:
http://keimform.de/2015/eine-idee-fuer-den-uebergang/#comment-552265

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franziska
30. August 2015 um 14:40 Uhr

Mattis, zwischen einem „Projekt meiner Vorstellung“ und dem, wovon da die Rede ist, liegen geschätzt 50-100 Jahre agrarwissenschaftlicher Forschung. Tut mir leid, dass ich mir diesen Schuh nicht anziehn kann, du hast sicher noch nen andern, letztes Mal wars dein persönlicher Kartoffelacker ;)
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Ich sags mal auch in Richtung Max Beer: Wer übers Vorher redet, redet auch übers Nachher, und umgekehrt. In Form der Utopien-Debatten wird immer über Herzstücke der linken Theorie gestritten. Das ist nichts Peripheres.

Zentraler Inhalts-Kern meines Fragenkatalogs ist die These:
Es kommt etwas epochal Neues ins Spiel, wenn Technologie in Gestalt ihrer gesellschaftlich-arbeitsteiligen Nutzung erstmals auf „vergesellschaftete“ ZWECKE bezogen wird – solche, die Leute haben, wenn sie ihr Leben und Arbeiten so einrichten, dass sie nicht dauernd ihre Bedürfnisse ignorieren müssen; oder wenn sie Natur-Zusammenhänge zugleich erhalten und gestalten wollen (aber wer genau will das denn heute?); oder wenn sie auch nur Zeit gewinnen wollen, um herauszufinden, wie sie ihre fortbestehenden Differenzen mit der Rest-Menschheit abbauen können. (Das sind nun mal meine Lieblingszwecke; andre hier können sagen, was ihnen dabei fehlt. Oder zuviel ist.)

Im Gegenzug ist epochal alt, also so, wie gegenwärtig noch immer, aber auch schon seit langem: der Einsatz von Technik, blossem Können, um noch mehr Technik, noch mehr Können zu entwickeln. Das heisst „Fortschritt“; und der Kapitalismus (aber.. wer ist DAS denn?) legitimiert sich (derzeit; noch immer) hauptsächlich darüber, dass in ihm, durch ihn – besser, als durch jedes vergleichbare „System“ – weltweit massenhaft Leute motiviert werden, an diesem Fortschritt mitzuwirken. Bzw sich dafür zu verschleissen…

Anm. 1: Kapitalismus-Kritiker stehen daher immer im Verdacht, Fortschrittsfeinde zu sein. Und… bisweilen hört sich der linke „Diskurs“ ja auch durchaus so an: ProduktivKRAFTentwicklung war die historische Leistung des Kapitals; nun ist die aber doch soweit gediehen, dass mans auch mal gut seinlassen kann, und sich auf dem erreichten Niveau einrichten (vgl. Fragestellung Nr.4 oben). Auch eine Art, wenn auch keine besonders geglückte, wie man das mit dem historisch Neuen, den Zwecken, ausdrücken kann. Und damit zu
Anm. 2: Kapitalismus SOLL ja, angeblich, einem Zweck dienen: Geld vermehren – eine populäre Kurz- und Zusammen-Fassung von Einsichten aus der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie. Leider auch wieder etwas unglücklich formuliert, und ökonomisch durchaus irreführend. Denn es bleibt dieselbe Bewegung, wenn das „Geld“ (Kapital), bei ständiger Revolutionierung der Produktivität (von allem und jedem „Produktiven“) auch nur nicht weniger wird. Sogar wenn formelle Geldsummen wie zB Bruttoinlandsprodukte sinken, kann (muss nicht) wachsender „Reichtum“ sich darin darstellen. Der eigentliche Zweck, wenn es denn einer ist, oder auch Effekt, ist auf die Weise nur sehr trüb benannt.

((Die Ausdrucksweise ist noch in anderer Hinsicht schief: Denn wenn niemand einen Zweck mit solch einer Veranstaltung verbinden würde, sollte man eben doch lieber von einem Effekt sprechen; dann natürlich von einem womöglich unbeabsichtigten. Hingegen wenn damit etwas bezweckt und womöglich verfehlt wird, sollte das in der Darstellung auch mal zur Sprache kommen; wär es anders, hätte Kapitalismus keine Legitimation (ob er eine braucht, ist eine ganz andre Frage). Diese Legitimation aber behauptet, der Effekt, nämlich: endlose Erhöhung der Produktivität in der Produktion von allem Möglichen, sei zugleich für das Wohlergehen der meisten sehr nützlich, und jedenfalls nützlicher als jede alternative Produktionseinrichtung. Wenn schon die Legitimationsversuche so eindeutig unterscheiden zwischen Effekten, der und die inkaufzunehmen sind, weil es Mittel (oder erträgliche Nebenfolgen) sind, und andererseits eigentlich erwünschtem, insofern bezweckten (aus Sicht der Kritik hingegen verfehltem) Nutzen dieser Effekte – dann sollte die Kritik das auch tun. Sonst redet sie an der Legitimation (die zu entkräften ist) vorbei.))

Es gibt noch einen zweiten „Inhalts-Kern“, der mit dem ersten eng verschränkt ist; aber sehr viel schwerer auf den Begriff zu bringen ist. Die zugehörige provisorische These könnte lauten: „Gesellschaft“ ist ein Wort, das heutzutage eine ähnliche Stellung hat wie vormals das Wort „Schöpfung“ (die hatte ja, zu ihrer Zeit, auch lauter „Zwecke“). Wobei letztre einen aufgeklärten, jedenfalls rationelleren Gegenpart hatte in Gestalt des Wortes: Natur. Für „Gesellschaft“ hingegen fehlt solch ein Gegenstück bis heute. (Mit „Geschichte“ verhält es sich vielleicht ähnlich.)

Und diese Schwäche der Theorie zeigt sich ua in den Utopie-Debatten. Kapitalismus soll also kritisiert, und im Sinne der Kritik überwunden werden. Also eine Produktionsweise mit einem Zweck, den niemand hat, der aber das unter gegebnen Umständen bestmögliche Wohlergehen der meisten („grösstes Glück der grössten Zahl“) zur Folge hat – auf Dauer zumindest, wenn man ihn nur gewähren lässt, naja, besser als in jeder Alternative. Dieser vollmundigen Rede der Apologeten der Marktwirtschaft können radikale Linke allem Anschein nach nur begegnen, indem sie eine zentrale Voraussetzung darin mitmachen: Es gibt ein massenhaftes, insofern in der Theorie zumindest schon mal „vergesellschaftet“ auftretendes, wohlverstandenes Interesse der grössten Zahl; und das, so die Kritiker, wird verfehlt.

Die meisten Leute, an die die Kritiker sich wenden, sind nun nicht etwa gläubige Verfechter des Marktes; sie mögen vielleicht etwas zu sagen haben zur Frage, was sie im Leben so wollen, womit sie rechnen usw. Aber zum Ganzen der Riesen-Zusammenhänge, in die sie gestellt sind, haben sie (sogar sehr viele „gut ausgebildete“ oder gar Gebildete unter ihnen) sich meist so gut wie keine Gedanken gemacht. Bestenfalls können sie die ein oder andere Formel, einen Slogan, nachreden, der ihnen beigebracht wurde und irgendwie, ohne allzulange Prüfung, einleuchtete. Die Leute, die über „Schöpfung“ räsonnierten, wussten ja auch recht wenig von „Natur“. Allein schon diese Nicht-Stellung zu ihrer aller (arbeitsteiligem) Zusammenhang macht sie zu, in Krims Worten drüben gesagt, Eigentümer-Materialisten. Zu was andrem als ihrem kleinem Eigenreich könnten sie denn fundiert Stellung nehmen? (Können der Staat, können Behörden es? Oder… Gesellschafts-Wissenschaftler? Zumindest… marxistische…?)

Die Utopisten machen es nun nicht anders als jeder, der am Stammtisch schwadroniert (oder als Poltiker oder Journalist FÜR ein unbestimmtes Publikum schreibt, oder vor einer Wählerschaft argumentiert), es geht auch nicht anders: Es werden Meinungen, Einschätzungen, Befürwortungen, die man kennt, wohl auch teilt, generalisiert und „Mehrheiten“ da draussen zugeschrieben. Das fällt insofern leicht, als die meisten dieser Meinungen und Befürwortungen ihrerseits HANDELN von Einstellungen (also Meinungen, Einschätzungen) und darauf beruhend, Erwartungen bezüglich der Handlungen relativ homogen gedachter grösserer Gruppen… irgendwo da draussen. Es gibt da kein REALES „wir“, auf das irgendjemand sich redlicherweie beziehen könnte; nur ein „sie“ (denen man sich gegenüberstellen oder zugesellen kann, das spielt keine Rolle), über die man sich mit realen Andern unterhalten kann. Aber: Niemand kennt „sie“, niemand hat mit ihnen geredet. „Sie“ müssen einfach vorausgesetzt werden, damit ich (in diesem Text) und ihr hier etwas haben, ausser uns, worüber wir reden können: als solchen, die Zwecke und/oder Interessen haben, die realisiert oder verfehlt werden.

Produktion „gesellschaftlich arbeitsteilig“ auf Zwecke beziehen… setzt wahrscheinlich nicht nur revolutionär neue Technologien voraus; nicht nur eine revolutionär neue Art der Lebens- und Arbeitseinrichtung; sondern das Revolutionärste überhaupt: Vergesellschaftung über dich und mich und „euch“ (hier) hinausgehend. Schon den Begriff davon zu bilden fällt, wie gesagt, schwer…. Und die Kommunisten merken somit garnicht, WIE radikal sie sind (und mit was für Schwierigkeiten „Planen“ auf „gesellschaftlicher“ Stufenleiter darum konfrontiert ist, allen Einwänden zB gegen ricardo im Podcast-thread drüben zum Trotz…)
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franziska
30. August 2015 um 18:18 Uhr

j, mein Lieblings-Spruch zu „Kommunismus“ ist: Dort ist die Entwicklung jedes einzelnen die Bedingung der Entwicklung aller.
Setz statt „Entwicklung“ „Lernen“ ein… und dann frag dich, wer da noch mitgeht oder -kommt: Was wird denn da aus dem ganz grossen Rad der Arbeitsteilung (oder der Wissenschaft, der Agrar-Wissenschaft zB), an dem wir (auwei, du färbst ab, j) alle drehen – wenn es sich am Radius („Reichweite“) der derzeit kleinsten Rädchen im Getriebe ausrichten soll? Umgekehrt, welches von den Kleinen ist denn dem Riesenrad gewachsen, das sie („sie“, schon wieder) alle zusammen sein wollen? Die Kommunisten, naja im weiteren Sinn, also dann „wir“ (hier) stellen sich wenigstens dem Problem. Aber das… wars dann auch schon.
PS: Du eiferst ja auch nicht grad wenig hier rum. Und ich… wahrscheinlich wie du, und die andern. Tja. Deine Frage stellt sich trotzdem. In der Tat…
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franziska
02. September 2015 um 17:53 Uhr

Wir haben genug Anschauungs-Beispiele, um folgende mögliche Standpunkte zu unterscheiden:
ENTWEDER..
..es gibt einen klaren „cut“, danach ist alles Abzuschaffende weg, und alles im wesentlichen eigentumsfrei gut;
…ODER…
..wir haben einen mehr oder weniger langen Übergang, aber mit zwei möglichen Ausprägungen:
- entweder, wir sind im Prinzip eigentumsfrei und aus dem Gröbsten raus, kämpfen aber mit „Muttermalen“ IN einer (immerhin) sozialistischen Übergangsphase oder -gesellschaft, und gegen das nicht-sozialistische Ausland, das uns das Leben schwermacht;
- oder (selten explizit, meist irgendwie implizit vertreten), es sind noch nicht alle agitiert, drum kann es noch nicht losgehn mit der Eigentumsfreiheit (brennende Frage: wieviel weltweit müssten es dann doch sein?).
In allen drei Varianten gibt es jedenfalls ein Vorher und Nachher, und es betrifft oder SOLL betreffen die GANZE Gesellschaft in mindestens einem nationalen Rahmen.
Das ist das Modell, das ich – entsprechend der Eigenbezeichnung der meisten seiner Befürworter – vorgeschlagen hatte, das kommunistische zu nennen (in den Versionen cut, Muttermal/Überlebens-Kampf, agitatorisches Moratorium); im Gegensatz zum „kommunalistischen“, wo die Befürworter eigentumsfreier Verhältnisse IN einer umgebenden Eigentümer- und kapitalistischen Gesellschaft anfangen, für sich und unter sich eigentumsfrei zu wirtschaften – wobei sie „an ihren Grenzen“, die zunächst maximal eng gezogen sind, zur Aussenwelt in Markt- und Rechtsbeziehungen stehen, die angesichts der Kräfteverhältnisse, wesentlich von den Leuten draussen bestimmt werden. (Man könnte bei einigem Wohlwollen die kommunalistische als Variante des „agitatorischen Moratoriums“ sehen…)

((Die zum Thema „längerer Übergang“ vorgetragenen Ideen unterscheiden sich, je nachdem, ob der Übergang vor allem als politische Taktik verstanden werden will (zB im Sinn von: man übt kollektives Wirtschaften ein; oder als Experimental- und Vorzeigeobjekt; oder auch als: (vorläufig) wirtschaftliches Fundament zur Unterstützung der politisch arbeitenden Organisation); oder als produktions- und planungs-technische, wo im Lauf der Zeit zunehmend anspruchsvollere Aufgaben gelöst werden sollen. Letzteres geht wahrscheinlich einher mit einer eher „kommunalistischen“ Übergangs-, und einer dezentral(-subsidiär)en Ziel-Konzeption.))

Zur Frage des (erwünschten, wahrscheinlich zu erwartenden, oder für einzig möglich gehaltenen) Übergangs kommt die nach der Struktur des Ziel-Zustands (dito):

>Wird da zentral oder dezentral, oder aber „dezentral-subsidiär“ produziert und/oder geplant?
(dezentral-subsidiär= Aufgabenlösungen in einer Region werden von einem Zusammenschluss der in andern Hinsichten bereits autarken Produzenten(gemeinschaften) in dieser Region getragen – vorausgesetzt, sie haben sich die für diese gemeinsame Aufgabenlösung nötigen Freiräume erarbeitet)

> Wird geplant von allen Produzenten zusammen, oder von Spezialisten unter ihnen, arbeitsteilig, für alle mit, nachdem bestimmte (aber welche?) Vorgaben für dies Planen (von wem?) erhoben und nach (hoffentlich von allen Betroffenen geteilten) Prinzipien in Pläne übersetzt werden?

Die Wahlfreiheit hinsichtlich präferierter Übergangsart und Ziel wird aber in vielen Fällen drastisch eingeschränkt, wenn weitere Standpunkt-Dimensionen in die Betrachtung einbezogen werden. Dass darüber wenig geredet wird, hat zu tun damit, dass die Vertreter von Mehrheits-Meinungen (auch hier) in diesen Hinsichten sich wenig bewusst sind, dass es zu ihren Überzeugungen womöglich begründete Alternativen geben könnte. Ich hatte versucht, oben zwei dieser Themenfelder für unerwartet kontroverse Stellungnahmen zu benennen:
1. TECHNOLOGIE. Wer sich die endgültig befreite Gesellschaft nur mit (schnellstmöglicher) Vollautomatisierung und ScienceFiction-Hochtechnologie vorstellen kann, für den kommt nichts infrage als „cut“ und „Zentralität“ (spätestens der Planung von Ressourcenverteilung auf die nächsten Grossprojekte). Hingegen, wer Reproduktion radikalökologisch sorgfältig aufbaut, KANN garnicht anders als lokal und somit (subsidiär)dezentral vorgehen.
2. „AUFMERKSAMKEITS-STEUERUNG“: Wer glaubt, das von ihm Befürwortete durch möglichst oft reproduzierten Vortrag seiner Argumente vor beinah beliebigen Adressaten herbeiführen zu können, der wird weder beim „cut“ noch bei innersozialistischer Verständigung Probleme sehen. Hingegen wer das Zustandekommen von Konsens in existenziellen Fragen für einen höchst prekären (und keineswegs in jeder Hinsicht, oder womöglich garnicht) berechenbaren Vorgang hält, wird solchen Konsens voraussetzende Eigentumsfreiheit ihrerseits nicht für einfach oder auch nur weitestgehend durch Willens-Anstrengung erzeugbar halten, und Prognosen hinsichtlich der Art ihrer zukünftigen historischen Entstehung, wenn überhaupt, abhängig machen von theoretischen Einschätzungen, die man jedenfalls bei Marx und Marxisten nicht findet.
3. 1+2 zusammengenommen: ARBEITSTEILUNG und Bewältigung der Ausschlüsse, die derzeit mit ihr (vor allem in dynamischen, forschungs- und entwicklungs-motivierten Produktionsweisen) verbunden sind, nämlich als unkontrolliertes, der Verarbeitungsfähigkeit aller andern schnell entwachsendes Expertentum.

Ich halte die Kontroversen, die sich unter Linksradikalen (prinzipiellen Befürwortern gesellschafts- und weltweit eigentumsfreier Vergesellschaftung) an DIESEN Fragen entzünden, für die eigentlich grundlegenden, und die Debatten über Zentralität von Produktion und Planung bzw. Vollständigkeit und Plötzlichkeit des „Übergangs“ für wesentlich daraus abgeleitet.

Aber noch wichtiger: Den Unterschieden der utopischen Entwürfe oder Projekte, Zielstellungen, korrespondieren fundamentale Differenzen in der Erklärung des Bestehenden: Man ist sich „in der Kritik nicht einig“, und will darum „Anderes“. Man muss sich dann wechselseitig die fundamentale Linksradikalität nicht absprechen, und kann doch übereinstimmend festhalten, dass sie mit tiefgreifenden Kontroversen einhergehen kann.
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PS: Ich hatte oben implizit eine Frage zum „Befund“ aufgeworfen, nämlich: Warum kann der für alle, die es wissen wollen, nachvollziehbare materielle Effekt kapitalistisch verfassten und angetriebenen Produzierens auch und gerade in einer „Gesellschaft“ von „Eigentümer-Materialisten“ als Legitimation dieses Wirtschafts-“Systems“ und seiner Spielregeln dienen – wem erscheint warum ein selbstzweckhafter technologischer Fortschritt, das eben NICHT auf Zwecke bezogene Wuchern von Können aller Art zur Erzeugung von noch mehr Können dieser Art, wünschenswert?
Auf der Seite der „Utopie“ stellt sich, korrespondierend, die Frage: Ob vorhandene Technologie überhaupt auf Zwecke wie „bedürfnisgerecht, ökologisch, Ungleichzeitigkeiten (in der Weltbevölkerung) abbauend“ sinnvoll und effizient bezogen werden kann? (Mein gesteigerter Pessimismus, Neoprene, verdankt sich meiner mittlerweile etwas fortgeschritteneren Bekanntschaft mit Agrar- und Bauingenieurswesen. Das ist, womit man sich in meinen Kreisen beschäftigt…)
Ich selbst habe viel Aufwand treiben müssen, um mir diese Fragen auch nur ansatzweise zu beantworten (und noch einige andre, zu denen ich bei Marx und Marxisten nichts finde, aus deren Sicht vermutlich zurecht). Kann sein, dass solcher Aufwand jede denkbare „Diskussion“ überfordert, und es abzuwarten bleibt, ob sich an andern Formen der Publikation genug „öffentliches“ Interesse entzündet, um Antworten wie die, die ich geben würde, für erörternswert zu halten. Aus meiner Sicht wäre es jedenfalls produktiv, wenn die linksradikalen Debatten sich in die genannten Themenfelder hinein bewegen würden.
(ZB die gesamte „keimform“-Utopie ist mE auf der Stelle entzaubert, wenn man hinsichtlich der unterstellten technologischen Basis ein paar ganz einfache Fragen stellt…)
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franziska
04. September 2015 um 9:49 Uhr

Mattis-Sozialisten haben offenbar einen gewissen „Materialismus“ betätigt und das Eigentum an Produktionsmitteln beseitigt. Über deren Verwendung entscheiden sie „alle zusammen“; ebenso wie über ihre Arbeitskraft, deren Verausgabung sie, ohne besonderen Druck, auch vorenthalten können (ohne solchen Druck sind die andern davon „naturwüchsig“ ausgeschlossen). Und natürlich können sich die für die Verwendung beider Ressourcenarten unmittelbar vorgeschlagenen Pläne widersprechen. Mattis ewig wiederkehrende Frage ist: Was machen sie dann?
Laut Krim, wenn ich das recht verstehe, haben sie (und speziell Mattis) eine weiterführende Kritik ihres Eigen(tümer)sinns noch nicht eingesehen.
Aber wo genau liegt da die Differenz?
Krim brachte Gedanken vor wie: Man weiss sich abhängig von der Gesellschaft, und kann dann nicht immer weiter seinen Eigentümerstandpunkt geltend machen. (Mattis, wenn ich mich recht entsinne, hat andernorts auch schon mal „um des lieben Friedens willen“ auf Durchsetzung verzichtet.)
Umgekehrt kann gegen Krim (und den kompromiss-bereiten Mattis) eingewandt werden, dass die Gesellschaft nicht gleich zerbricht, wenn mal ein Anliegen durchgefochten (und ein anderes „untergebuttert“) wird.
Sie bricht aber offenbar auseinander, im Mass, wie zunehmend Anliegen (Interessen) von Gruppen oder Einzelnen einander bei ihrem Zugriff auf „gemeinsame“ Ressourcen (sachliche, aber auch Arbeitsbereitschaft) ausschliessen. Ausschlaggebend ist dabei nicht das Ausmass des Zugriffs (die „Gier“); sondern der Widerspruch der Ziele. Sofern da überhaupt was artikuliert wird; denn… es gibt auch Zugriffe, bei denen garnicht klar ist, welche Zwecke von Andern dadurch nicht mehr realisierbar sind. Man kennt sie garnicht. Man fragt auch nicht. Man DARF einfach ungehindert verfügen (als Eigentümer…).

Mit dieser kurzen Betrachtung ist man dann schon weit weg vom Problem der „Gegensätze“. Man ist da angelangt, wo man NOCH NICHT MAL weiss, welche Gegensätze man eventuell haben könnte – weil man Konsequenzen von Entscheidungen auf andres nicht überblickt. Das Ungeheuerliche an einer eigentumsfreien Vergesellschaftung ist nicht die Erwartung, dass die Leute sich in ihrem Zusammenhang einigen, ihre Konflikte freidlich-schiedlich oder auch mal unterbutternd, trittbrettfahrend usw austragen sollen; sondern… dass sie sich zu ihrem monströsen Produktionszusammenhang und seinem Fortschreiten überhaupt stellen, es überhaupt schaffen sollen, was da geschieht, auf von ihnen entworfene Zwecke und Projekte zu beziehen. Markt (gekoppelt mit Demokratie, „Öffentlichkeit“, und noch einigen andern Institutionen wie zB „Wissenschaft und Forschung“) ist das Versprechen: Das müssen sie nicht, es bleibt ihnen erspart – ihnen allen. Dafür, dass es ihnen tatsächlich erspart bleibt, nehmen sie SEHR viel auf sich – alles das, was Kommunisten an notwendigen Schäden (zB aus krass einseitigen und sich verfestigenden Macht- und Verfügungs-Ungleichgewichten) verbuchen. Das Problem mit der Eigentumsfreiheit sind doch nicht in erster Linie die Konflikte – wenn man dahin gediehen wäre, könnte man froh sein. So zu tun wie Krim und Mattis in ihrer Auseinandersetzung, als stünde man da, ist eine einzige Verharmlosung des Problems: des Problems nämlich, sich zum Produktionszusammenhang stellen zu müssen, ihn zu kennen, sich auf Prinzipien seiner Regulierung zu besinnen, und in den Gründen für und gegen, den je massgeblichen Gesichtspunkten (die man eben dazu bedenken muss) einig zu werden; und… ich bin mir sicher: an Mattis’sche Popelfragen der Lebenseinrichtung eines jeden schliessen sich da beängstigend schnell Grundsatzfragen für eben denselben an – da hat ers MIT SICH und objektiv unbeantworteten Fragestellungen zu tun, und noch garnicht mit andern Entscheidern.
Er hat es, nebenbei gesagt, auch noch mit Experten zu tun, wie alle Entscheider heutzutage; die ihm und allen SEHR konsequenzenreiche Einschätzungen vortragen – solche, bei denen ganz schnell der gesamte verfügbare gesellschaftliche Reichtum gleich mehrfach verplant wäre, je nachdem, welchem Mix an Gesichtspunkten man da den Vorrang gibt.
Verglichen damit ist das, worüber Krim und Mattis streiten, idyllisch. Das Nicht-Beherrschen unseres hoch-arbeitsteiligen Reproduktions- und Wissenserwerbs-Prozesses ist kein politisches, soziales oder ökonomisches, sondern es ist ein MATERIELLES Problem. Indem man die Frage aufwirft, wie eine Nicht-Eigentüner-Gesellschaft ihre Reproduktions- und Wissens-Aufgaben löst, stösst man auf dies Problem, man ist unmittelbar damit konfrontiert; aber man löst es darum nicht. (Das ist nicht im geringsten ein Argument gegen Eigentumsfreiheit – die braucht es sowieso; es relativiert bloss die Bedeutung, die man ihr beimisst: Wir haben als vom Eigentum Befreite noch ganz andre Probleme.)
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franziska
04. September 2015 um 11:02 Uhr

Kommunismus im Sinne von Eigentumsfreiheit ist die Beseitigung der aus meiner Sicht völlig irren Illusion bürgerlicher Menschen, sich modern in und zur Welt verhalten und reproduzieren zu können, und um diese Aufgabe herumzukommen. Das kommunistische Projekt bedeutet Sprengung DIESER Illusion, es selbst wird dadurch nicht gesprengt – das scheinst du mir ständig als Position zu unterstellen, aber die hab ich doch garnicht, Neo. Ich sage: Kommunistisch, eigentumsfrei organisierte Menschen STELLEN sich, angemessenerweise, dem Problem. Ihre Eigentumsfreiheit ist unumgängliche Voraussetzung dafür, dass sie es lösen (das Problem zu haben und sich ihm zu stellen, ist also ein (absolut hinreichendes) Argument FÜR Kommunismus im Sinn von Eigentumsfreiheit. Nur… Eigentumsfreiheit selbst ist leider noch nicht die Lösung.

(Grob angedeutet, ist meine Überzeugung, dass bürgerliche Menschen zur „kulturell durchgesetzten“ (relativen) Modernität ihrer materiellen Produktion quasi vormoderne Einstellungen haben. Die sind mit dem, was die MG mal als „Dummheit“ analysiert hat, nur sehr ansatzweise auf den Begriff gebracht. Es ist das, womit ich mich persönlich seit Jahrzehnten am meisten beschäftige. Aber… das heisst ja nicht, dass andre das genauso interessant finden müssen.)
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franziska
04. September 2015 um 13:28 Uhr

Ein eignes Thema, woher diese ständige Bereitschaft zum Giften und Poltern gegen die Träger (im wesentlichen, verglichen mit all den andern da draussen…) nächst-verwandter Standpunkte kommt..

Wals Marx-Zitierung empfinde ich als hilfreiche Klarstellung meines Punktes, danke dafür.

Darauf hat TG nun mit einiger Heftigkeit reagiert, die mir leider im Moment das Anliegen nicht verständlicher werden lässt, vielleicht kennen andre besser, worauf er hinauswill (sollte auch oben schon was lernen können), ich kann da grad nur raten, insofern bitte ich schon im voraus um Entschuldigung, falls ich mich vertan haben sollte…
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Nein, TG, ein solcher Widerspruch zu „Konsumtion“ ist nicht mein Thema, und überhaupt fällt mir an vielen Stellen, die ich bislang von dir lese, auf, dass dein Hadern mit bestimmten Begrifflichkeiten schnell, wie mir scheint, überwunden sein könnte, wenn du als technischen Terminus (oder Real-Kategorie) RE-PRODUKTION in den Focus rücken würdest. Da ist auch der mir unterschobene Widerspruch ganz von selbst vom Tisch.
(Nicht vom Tisch ist, dass Kommunisten wie alle Menschen an Arbeit, als ihre massgebliche Lebenstätigkeit, bestimmte Wünsche wenn nicht Ansprüche haben, die man endlich auch mal, und zwar vorrangig, zu den „Bedürfnissen“ zählen sollte, so wie auch das Bedürfnis nicht grad gering zu schätzen ist, keine Angst haben zu müssen, mit seiner näheren und weiteren Umgebung verständigt zu sein, oder seinen Aufgaben sich beruhigt zuwenden zu können, weil man begriffen hat, dass das, was die andern machen, und von dem man existenziell abhängt, vernünftig ist.)

Die sachlichen wie humanen Produktivkräfte „verkörpern“ unbestritten einiges an technischer (Zweck)Rationalität – es klappt da vorläufig einiges, einiges sichtlich, bei anderm, und nicht ganz Unwichtigem, hängt Effizienz an durchaus trüber Statistik, und der Übergang ist fliessend zu (massenhaft) vielem, das für zweckmässig ausgegeben wird, aber das höchst bestreitbar. Auch Sachfragen, vor allem die, werden ja heute per Autorität und durchmischt mit einer Unendlichkeit persönlicher und Klasseninteressen entschieden. Umgekehrt ist in der ganzen vor allem über-betrieblichen Rechnerei (der hier, abwiegelnd gegenüber Zweiflern, etwa gegen ricardo drüben, gern attestiert wird, doch immerhin technisch gelingende „Planung“ zu sein) auch einiges an „sozialer Ein- und Vorsicht“ (das Zitat verdanke ich Robert Schlosser) enthalten – der Absicht nach; und je akribischer die Kalkulation incl. Reservenplanung, desto geringer Resspurcen-Vergeudung und Überraschbarkeit auf falschem Fuss.

Mein Beitrag soll aber erstmal garnicht so lang werden. – Falls dus nicht gemerkt hast, TG – die Systematik hinter der Liste meiner „Lieblingszwecke“ (bedürfnisgerecht, ökologisch, Ungleichzeitigkeiten abbauend) verdankt sich jener andern Liste der altehrwürdigen Nebenwidersprüche aus der Geschichte der Arbeiterbewegung, die dir bekannt sein dürften: Mann/Frau; Stadt/Land; Zentrum/Peripherie (hier historisch, nicht (nur, aber auch) geographisch zu verstehen). Beim Hauptwiderspruch (hier mal danke für DEIN Zitat, TG, ist auch einschlägig) Kopf/Hand ist mir wichtig anzumerken: dass es einer ist, der im Leben jeder Einzelperson seinen Platz hat; und, was ich auf Nachfrage ausführen würde: das gilt auch für die andern drei. Ich spitze zu: Das (immer wieder grossgeschriebene) „MATERIELLE“ Problem besteht geradezu darin, dass diese Konflikte in Schein-Lösungen (in Gestalt kultig-kantiger Spezialarbeiter und -arbeiten aller Branchen) geronnen vorliegen, worin sie ARBEITSTEILIG fixiert sind, aber nicht gelöst. Und Lösung, um nicht zu sagen: Erlösung vom Leid an diesen Konflikten, gibt es erst, wenn sie im Leben jedes Einzelnen gelöst sind; was, wie ich behaupte, ausschliesslich im Verbund mit allen andern, grosskotzig gesagt: allen andern mit einem lebenden Menschen, gelingt. Soviel (höchst Ausführungs-bedürftiges) als erste Antwort auf deine Anwürfe, TG. Was also muss ich lernen?

PS: Der im Ensemble der versammelten Produktivkräfte verkörperte bzw durch sie ständig erzeugte EFFEKT, die eben auf keinen besonderen Zweck bezogene systematische Mehrung des gesellschaftlch GEKONNTEN, ist, soviel noch, aus meiner Sicht der sichtbare und Oberflächen-Ausdruck der ungelösten (Haupt- und Neben-)Widersprüche…
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franziska
04. September 2015 um 15:13 Uhr

@Mattis.
Es ist nicht im allergeringsten meine Absicht, herablassend rüberzukommen, ich sehe mich hier im günstigsten Fall auf Augenhöhe mit den Mitschreibern, ganz bestimmt nie drüber, leider gilt das nicht für mein Verhältnis zu den Sachproblemen, mit denen ich (freilich nicht nur) mich konfrontiert sehe, denen fühle ich mich derzeit nicht gewachsen, sondern eher… davon erdrückt (und entsprechend, kann man ja so übersetzen: deprimiert).
Speziell die Stelle mit dem Popelkram sollte sarkastisch gewendet sein gegen die (prompt kam ja danach TG so an), die es, anders als du, und ich im Anschluss an dich, als solchen sehen. Schade dass es in der Kürze falsch rüberkam. Es sollte damit der Skandal angesprochen werden, der fortbesteht, wenn und solang die Lebensführung von Einzelpersonen (ihre „Bedürfnisse“, die eben grad nicht bloss zwangsläufig auf Freizeit- und „kompensatorisch“ reproduktive zurückgestutzt sein sollen) dem „gesellschaftlich Zweckmässigen“ im Wege steht (das man sich dann wechselseitig als „Notwendigkeit“ um die Ohren haut usw); wobei (hatte ich eben gegen TG zeigen wollen) dies Notwendige ja AUCH Inhalt von Bedürfnissen der Einzelnen ist; der Widerspruch beginnt also längst IN ihnen selber. So hatte ich das glaub ich hingeschrieben.
Das mit dem Sich-Einigen will ich ebenfalls garnicht kleinreden, eher wollte ich (darum das ausnahmsweis etwas Drastisch-Hochgefahrene in meiner Ausdrucksweise, ist ja sonst nicht so mein Ding) das grossreden und herausstreichen, was ihm nun mal rein kognitiv vorausgeht: Dass man was hat, worüber man streitet, dazu muss mans gemeinsam kennen und ja irgendwie auch beurteilen, auf Zwecke (selbst geteilte wie die anderer) beziehen können. Und da haperts nicht nur im Dialog schon von uns Normalmenschen ganz gewaltig – jeder von uns etwas Älteren kann hier mit seinem privaten Päckchen Lese-, Lebens-, Berufs- und Bildungserfahrung auf- und die andern übertrumpfen, ich sag bloss: Kartoffelacker ;) – , sondern erst recht, und das hab ich so hingeschrieben, im höchst einseitigen „Dialog“ mit Experten, denen man trauen soll, selbst wenn man allen Anlass zum Gegenteil hat.
Vor allem sich (nicht) einigen können kommt also noch vorneweg das: überhaupt sich ein Urteil bilden können, Stellung nehmen können (der mündige Bürger, der mündige Patient zb – welch ein (Irr)Witz (dass er sogar im Fall von Mündigkeit nix zu sagen hat, kommt dann noch DAZU…). Und das… ist ein fundamentales Problem, sage ich, der MODERNE – eng verknüpft mit dem andern: dass das wuchernde Können-um-noch-mehr-zu-können sich grad wissenschaftlich und technologisch dran abarbeitet, allmählich über den DNA-Kristall und seine schiere Struktur hinauszukommen und in dessen Funktionen hineinzuwühlen, was, je weiter man vordringt, immer aufwendiger und aufwendiger zu werden droht… Wo immer es um belebte Natur geht, gerät man forschend, technisch, produzierend in dieses Dunkelfeld. Mehr dazu hier: http://marx-forum.de/Forum/blog/index.php/Entry/111-Zwischenbemerkung-3-Technisierung-von-Natur-zB-Transhumanisierung-Naturalisierun/ aber auch nicht mehr.

Meine praktischen Vorschläge haben sich nicht geändert, hier nochmal die letzte öffentliche Version, kurz und knapp:
http://keimform.de/2015/eine-idee-fuer-den-uebergang/#comment-554506
Das Problem mit Öko-Höfen und (aus meiner Sicht) rationeller Landwirtschaft ist, dass da ziemlich wenig brauchbare Erkentnisse und Verfahren vorliegen. Grob gesagt, gehts da um die Frage, ob das Liebig-Paradigma „wir ernähren die Pflanze“ eine so gute Idee war, verglichen mit der voraufgehenden (und in der Agrarrevolution durchaus intensiv erforschten): wir ernähren den Boden. Der Witz an diesem scheinbar abseitigen technisch-wissenschaftlichen Thema ist, dass der Begriff der PRODUKTIVITÄT (etwa des Arbeits-Sparens) im Bereich der Biosphäre ganz andre (Forschungs)Anstrengungen erfordert, als im Umgang mit, wie soll ich sagen: mineral-basierter Technologie (die aktuelle Agrarindustrie kann man wahrscheinlich guten Gewissens, bis in ihre gentechnischen Verästelungen darunter subsumieren). Die Medizin und Ernährungsphysiologie ist da nicht weit weg – um etwa die Frage zu beantworten, welche Nutzpflanzen in welcher Zusammensetzung uU wie konserviert, nötig sind, um dich GUT zu ernähren. Und dann frag dich, wie die alle biodivers „nachhaltig“ permanent (sich selbst aussäend) mit maximal wenig Arbeitsaufwand (ausser zur (langwierigen) Anlage des ganzen) auf möglichst kleiner Fläche in der benötigten Menge wachsen. Und jetzt schau: Wir sind grad noch einen Satz meinerseits vom Eintritt in die weiter oben befürchtete Fachsimpelei entfernt… (soviel zu KONKRETEN Vorschlägen im Augenblick…)
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franziska
04. September 2015 um 20:02 Uhr

@TG
Ich hatte mich ja vorsichtshalber entschuldigt. Von TG hab ich ausser hier im thread, drüben bei j. (schon vergessen) und neulich über Syrien (war das Heise?) noch nie was gelesen. Die gute Nachricht ist: ich hab scheints, unbekannterweise, ins Schwarze getroffen („du hast erfahren…“ – einen Schmarrn hab ich, keine Ahnung, was du irgendwo geschrieben hast, andre mögen dich kennen, ich kenn dich nicht) – die schlechte ist, scheints… dasselbe.
Kurz und schmerzlos: Ich hab mit Herrschaft nichts am Hut. „Vorschriften“ mach ich nicht. Dein Hauptzitat ist gefälscht (naja, zur Kenntlichkeit entstellt, teddymässig). Nix Plato, nix Höhle.

@Jürgen
Ich oder Mattis mögen viel wollen – DER selbstbewusste Mensch wirds schon verhindern, wenns ihm nicht passt.
„Also sollte man heute dafür sorgen, dass er schlau wird.“ (Jürgen 17.05 Uhr)
„Kurzum, du willst ihn.. für eine ORDNUNG werben, der sich alle glücklich fügen können, indem sie vernünftig werden.“ (TG 15.33 Uhr)
Solche Typen gibts also wirklich…??

@TG, Jürgen
Bin ich jetzt etwa…. exkommunistiziert?
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franziska
04. September 2015 um 20:33 Uhr

nochmal @Jürgen
Mattis und ich und die andern… wir SIND halt AUCH welche von den „sie“, „die das (dann) machen.“ WIR halten, selbstbewusst, (je) was andres für wichtig als du. Das mag „Modellbastelei“ heissen. Aber darüber reden wir, so schlau wie ihr, hier mit dir, mit Krim, und den andern. Es ist schon viel Text zu lesen gewesen, warum wem was wichtig ist. DU als einziger musst bloss „Basteln“ und „Modell“ sagen (vielleicht auch noch: unkommunistisch) – und schon ist alles… „blamiert“?
„Paff! Ihr seid tot!“?

Und schlau und selbstbewusst… kann man niemand MACHEN. Es ist vorausgesetzt. Wusstest du aber.
Und nörgeln, dass Mattis themenfremd nervt, ist ausgerechnet in DIESEM thread fehl am Platz.

Und so zu
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franziska
04. September 2015 um 21:02 Uhr

(der Text von TG davor stand erst später da, antworte später)
@Jürgen
Kirche und Sekte… langsam erinnerst du mich an den Typ (bist dus womöglich?), der beim letzten Zusammentreffen dieser Art was von „Mutter Natur“ faselte, die man anbete. Du kriegst jetzt dasselbe (wieder?) gesagt: Es ist Agrarwissenschaft, die in dem Fall von drohenden Etnährungskrisen handelt. Dass die kommen, steht ziemlich fest. Wie man dagegen vorgehen könnte, leider nicht.
Ausser dir hat niemand behauptet, dass Mattis und ich am selben Strang ziehn. Wundre dich über dich selbst.
Kannst jetzt nicht mal mit dem Sticheln aufhörn?
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franziska
05. September 2015 um 13:16 Uhr

Man könnte nun sagen, das übliche Tohuwabohu ist entstanden, und die gewohnte netz-freakshow reisst alle mit sich. Und zugleich ist da diese Besessenheit ALLER Beteiligten, es nicht zu lassen.
Wie j. drüben sagt: Man könnte nur den Raum verlassen. Und die, die bleiben, sind eben besonders hartnäckig. Aber sie wissen halt auch nicht weiter, und durchlaufen die immer selben Schleifen.

Ich habe oben gegenüber TG versuchsweise einen ersten Hinweis gegeben, wie man das auflösen könnte – nein, nicht gleich praktisch, das wär zu schön (und zu einfach); sondern wie man es begreifen könnte. (Die naheliegende böse Lesart für dasselbe Wort könnte lauten: es sich schönreden, schöndeuten… Mal sehn.)

Mein Hinweis war der auf Widersprüche; auch so ein Wort aus der älteren, der ML-Tradition, mit der wir Jüngeren, die in die gsp-Schule gegangen sind, nicht viel anfangen.
Wichtig damals war der Zusatz: „objektiv“ – die Widersprüche sind nicht einfach behebbar durch guten Willen, sondern etwas, das durch mühsame Umwälzungen (Klassenkämpfe usw) in der Wirklichkeit, naja, nicht etwa aufgehoben, sondern möglichst zum Verschwinden gebracht werden sollte.
Bei mir hingegen war wichtig der Gedanke: Die Widersprüche sind in den Einzelpersonen, es sind IHRE, ihre eignen; das macht sie aber um keinen Deut weniger „objektiv“ und nur durch extreme Umwälzungen, womöglich „gesellschaftliche“, … beseitigbar? aufhebbar? erledigbar…? Eigenartig, das in dieser (eigentlich Hegelschen) Traditionslinie das rechte Verb dazu fehlt (wenn einem der metaphysische 3fach-Kalauer des alten Dialektikers zu peinlich wird). Aber „Konflikt“ ist zentral noch in einer andern Tradition, und da sagt man ganz einfach, wie eigentlich ursprünglich, in der, naja, gehobenen Alltagsbedeutung: ihn lösen.

Gegenüber TG oben kamen die Widersprüche sehr konkret vor, nämlich die sog. „Nebenwidersprüche“ (Kopf/Hand, Mann/Frau, Stadt/Land, Zentrum/Peripherie). Die sind nun aber bekanntlich ZWISCHEN Leuten; ich hingegen hab dann behauptet: nein IN ihnen, und nach aussen bloss verlagert. Ein Gedanke der auch eher aus der andern (therapeutischen) „Konflikt“-Besprechungslinie kommt; die freilich wieder das Objektive, Realitäts-Bezogene am Subjekt kaum betrachtet). Das Verlagern dort ist dann ein „Projizieren“, ein individueller Wahn; und bestenfalls bei Betrachtung von „Familien“ stellt sich, beinah eher unwillig, auch bei denen der Verdacht ein: dass da eine, zwar nicht wahnhafte, aber doch sehr verrückte und verzweifelte Form von Arbeitsteilung herrscht: Die einen vertreten, praktizieren die eine; und die andern die andre Seite des Konflikts; die aber in EINER Person schlechterdings nicht zusammengezwungen werden können.

Das ist es, sage ich, womit wir es hier zu tun haben, und wohlgemerkt, nicht individuellen Sparren, sondern es sind OBJEKTIVE ANFORDERUNGEN, denen man als Einzelperson nicht gleichzeitig gerecht werden kann.
Das aber heisst: In den Auseinandersetzungen hier treffen Gesichtspunke aufeinander, die ALLE und spätestens ihren Trägern berechtigt und unmittelbar einleuchtend erscheinen, nein härter: sie sind UNVERZICHTBAR, dürfen nicht vernachlässigt und übergangen werden. Aber sie stehen eben dem, dem sie entgegengesetzt werden, schroff und unvermittelbar gegenüber. Und das macht die Härte und Giftigkeit aus; man hat doch schon alles gesagt – wieso siehst dus nicht? Es treibt alle Beteiligte zur Verzweiflung. Und zwar werden sie um so giftiger (ich sage: begreiflicherweise), wenn IHR Gesichtspunkt droht durch vorübergehendes Überwiegen, Dominanz seines Gegenstücks (vielleicht gibts auch mehrere, wer weiss), nicht mehr beachtet zu werden (vgl. der vordergründige Vorwurf, psychologisierend, Trolle wollten „bloss“ Aufmerksamkeit; unterstellt ist: für SICH; nein, für ihren Gesichtspunkt (Mattis, der immer wieder mit dem Gleichen ankommt; es ist doch schon erklärt usw); aber das macht es nicht besser.)

Es erklärt vielleicht das Schrille und Irre und irgendwie für alle Beteiligte kaum Erträgliche, wenn einer oder eine wieder mal zu nerven beginnt, was ja alle hier nur aus Verzweiflung tun, denn es sind ja alle grosse Argumentierer und Erklärer hier, ausnahmslos; es treibt sie ja selbst zur Verzweiflung, dass ihnen die Erklärungen ausgegangen sind, und sie trotzdem nicht nachlassen („wollen“ – „es so sehen WOLLEN“; oder… nicht anders können?)).
(Das ist EINE Variante, es mag auch die geben des immer verrückter, hartnäckig Dranbleibens und „koste es was es wolle“ dem Andern das verlangte Zugeständnis doch noch abzwingen, indem man das letzte Wort hat den längeren Atem hatte, ihn mundtot machte; oder die des wortmächtigen Verfluchens in Gestalt mehr oder weniger brillanten Durchdiagnostizierens, der Erklärung, wie „fertig“ man wieder mal mit jemand ist usw, oder das Sticheln (auch das ironische) und nicht aufhören, ganz bewusst, immer wieder und wieder und wieder in den wunden Punkt (den man sieht) zu bohren…)

So, das ist die Form, die der Widerspruch annimmt – als unlösbare KONTROVERSE, für alle sichtbar, und kaum erträglich. Aber was ist der Inhalt?

Es sind viele Widersprüche, nicht so einfach zu sortieren. (Ich mache auch keinen Sortiervorschlag, ich erzähle mehr oder zähle auf, vielleicht ohne Vollständigkeit, vielleicht ohne Zusammenhang….)

Um mit dem Thema hier zu beginnen, da haben wir eine ziemlich verfahrene Lage aufgedeckt:
Mattis sieht die Möglichkeit (nein, er unterstellt sie sogar als die einzige, denkt (will nicht denken?) kaum an eine Alternative), dass die Leute ZWAR revoltieren, aber ein gut Teil dessen, was sie zuvor wollten und machten, einfach beibehalten. Prompt müssen sie auch ein gut Teil dessen, was sie vorher brauchten, an Institutionen, wieder installieren oder einfach weiterlaufen lassen. (Oder läuft „es“ einfach weiter, weil sies nicht „abschaffen“?)
Für die andern hier ist das aber kein „cut“, nicht der entscheidende Bruch mit der „Bürgerlichkeit“: Die Bürger müssen schon Kommunisten werden, sagt Krim.
Was Mattis nicht sagt, wurde seinerzeit, in einer früheren Phase derselben Debatte, von earandil vorgebracht: Die Leute sollen offenbar Supermoralisten, -altruisten, -rationalisten werden? Na dann…
Oder, in einer Version, die der verteufelte Buchenberg vorbrachte: Die Revolution muss auskommen mit, wird gemacht von den Leuten, wie sie sind. Direkter Widerspruch zu Krim.
Dahinter stecken gleich zwei widersprüchliche Sichtweisen:
a) das Umzuwälzende ist ein den Leuten Äusserliches (ein Gesellschaftliches, bloss ZWISCHEN ihnen Installiertes), vs. das Wesentliche, das sich ändert, ist an ihnen selbst, ihr (zB Eigentümer)Standpunk;
b) die Umwälzung ist graduell, naja, mit ein paar „steileren“ Gefälle-Situationen, die da zu überwinden sind; vs. da ist EINE entscheidende Klippe zu überwinden, der Unterschied ist scharf markiert, als Vorher und Nachher (oder auch: Innen und Aussen des befreiten Gebiets).

(Dieselbe Debatte b) gibt es übrigens unter solchen, die hier garnicht dran denken, mitzureden: Solche, die die Umwälzung wesentlich durch die Leute, diese „nichts als Ensemble(s) der gesellschaftlichen Verhältnisse“ hindurch, als „geschichtlichen Prozess“ ablaufen sehen, auch bei ihnen gibt es das: scharfer cut, vs. bisweilen gesteigerte Fortschrittsgeschwindigkeit, insgesamt schrittweise Veränderung).

Diesem ganzen Widerspruchs-Komplex gegenüber tritt ein zweiter, und verwickelt, verstrickt sich mit dem ersten:
Also die Leute sollen SICH ändern, aber wer sagt das – sie SOLLEN selbstbewusster werden, und endlich schlau und mündig? Leider sagen das bloss einige. Die treten den Andern von aussen gegenüber, und treffen auf einen „beinharten“ freien Willen, der sich „ums Verrecken“ nicht beeinflussen lässt.
Oder etwa doch?
Wenn ja… was unterscheidet denn dann die Weise der Beeinflussung von der gegenwärtigen? JEDE Art der Beeinflussung, auch des Versuchs, ist schon ein Übergriff, der (grad angesichts seiner Vergeblichkeit) bald in härtere (dafür wirksamere) Formen der Manipulation und Gewaltausübung übergehen wird: so libelle, und jetzt TG.
Aber man KANN das Urteil der Leute doch garnicht von aussen beeinflussen, alles, was WIRKLICH Urteil in ihnen ist, ist auch IHRES. Sagt, etwa, Krim. Sagt… vermutlich im vollen (und schmerzlichen) Bewusstsein der Paradoxie („sie schlau MACHEN“): zB Jürgen/Alfonsito.
Aber wenn sie so GARNICHTS beeinflusst (das man dann auch irgendwie simulieren, vor ihnen „vorstellig“ machen kann) – wieso sollte sich überhaupt etwas ändern? Durch das flehentliche „Appellieren, mal zu achten auf… in Betracht zu ziehen… sich bewusst zu machen…“? (Mehr geht halt nicht…)

Die eher unschöne Alternative der etwas älteren Richtung war: SIE ändern SICH garnicht – das tut „die Gesellschaft“ kraft „der Geschichte“, und die kleinen Verhältnis-Ensembles (Menschlein, TG), die da unten dranhängen wie Marionetten, die mitgezogen werden, können sich glücklich schätzen, weil der Zug der Zeit nun mal einer zum Ewig-Besseren und Höheren ist (einszweidrei im Sauseschritt…)
Libelle bietet uns einen Kompromiss, der in etwa lautet, dass ein autonomer Prozess die Individuen aus sich entlässt, sie freigibt – genau darin bestünde also das Höhere. Und ab dann… KÖNNEN sie aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit herausgehen; freilich… müssen sie es dann auch tun. Von sich aus. Vorher gehts garnichts, oder eben… viel zu wenig (aber wer kann sich Warten leisten, angesichts des wachsenden Elends.. sagt Krim, und nicht nur er. Also appellieren wir….).

Man könnte nun sagen: Damit ist der Kreis der Konfliktpositionen abgeschritten, die etwas mit dem Gebiet der „Aufmerksamkeits-Steuerung“ (von aussen, von innen) zu tun hat, so hab ich das oben genannt.
Aber dies Gebiet ist wiederum durchaus innig, dh fatal widerspruchsbehaftet, mit dem von mir benannten Gegenstück verstrickt und verknotet, und das sind: die materiellen Verhältnisse; Produktivkräfte und -verhältnisse (noch so ein Verstrickungspaar) ineins.
Davon war ja die ganze Zeit die Rede: Ihre Stellung in diesen Verhältnissen ist es, deren Kritik „sie“ (da draussen) zu leisten hätten, die „sie“ innerlich und äusserlich zu überwinden hätten; zu solcher Überwindung fordern diese Verhältnisse auf durch ihre Unerträglichkeit (was verhindert somit nach ihrer Abschaffung eigentlich den Rückfall?), die zugleich die Überwindung bleiern erschwert und behindert. Aber würden die Verhältnisse nicht BEIDES tun – warum sollte man sie ändern? (Etwa: Aus Einsicht in ihre Unhaltbarkeit auf Dauer („krisenhafe Zuspitzung“), die sich jetzt aber noch nicht fühlbar macht?) Immerhin sind die Verhältnisse, wie drückend auch immer, welche, in denen man lebt, die eingerichtet sind; wenn der cut sehr hart ist, fällt man ins Nichts. Ist ers nicht, bleibt was vom Bleiernen. Das ist einfach aufzulösen (sagt nicht nur TG): Der cut geht garnicht durchs ganze System; sondern wir sprengen die Herrschaft (den Überbau) weg, und drunter läuft alles weiter, kann endlich überhaupt verändert werden, das entscheidende Hindernis ist ja weg, „abgeschafft“!

Aber… sind die Produzenten denn Herren ihrer Mittel, wie TG behauptete? Ist nicht, dass sie es nicht sind (zB ihren Zusammenhang als Produzenten nicht überblicken oder gar kontrollieren) irgendwie auch der (arbeitsteilige? Kopf/Hand..) Grund der Herrschaft (EINE Sichtweise…)? Ist ihre Stellung im materiellen Produktionsprozess der letzte Grund auch für ihre Rechtsstellung als (nur) Eigentümer (ihrer Arbeitskraft) – und der Einstellungen, die sie sich (zwangsläufig?) zurechtlegen (müssen, um zurechtzukommen)? Oder… ist nicht (jetzt wieder umgekehrt; oder sich teufelskreisartig selbst verstärkend) die ganze Produktion zugerichtet durch den herrschenden Zweck? Aber ist sie gerade als so zugerichtete für die befreiten Produzenten beherrschbar? Hat sich der Zweck in der Mittelstruktur seiner Umsetzung womöglich verkörpert, und muss mühsam aus ihr herausoperiert werden? Wenn man nicht gleich eine ganz neue erfinden muss… Schlimm, wenn alle bis dahin nichts andres getan haben als den verbleibenden Rest „agitieren“ (oder warten… oder beides…) – dann droht eben doch der Fall ins Nichts. Oder der Rückfall: Weil das entscheidende, die produktive Basis, sich eben nicht geändert hat, und im davon Abhängigen, dem Überbau, rumfuhrwerken nichts nützte…

Schliesslich: … gibt es in dem ganzen Elend womöglich Anteile, womöglich sehr zentrale (der Forschungs- und Fortschrittsprozess?), die von der ganzen Form, in der es abgewickelt wird, garnicht tangiert werden – vorher wie nachher bleiben, wie sie sind, und als wesentliche bestenfalls „nachher“ sichtbar werden, aber auch das ist nicht sicher, jedenfalls keineswegs durch „Aneignung“, naja, ihrer als den massgeblichen Problemquellen, dann, schon bewältigt sind? Ähnlich: Wie, wenn der cut vom Regen zwar nicht in die Traufe, aber nach all dem Aufwand, am Ende, bloss in einen andern Regen führt, man nur die Wahl zwischen Pest und Cholera hat, und der Ausweg daraus… NOCH viel schwerer und langwieriger ist als alles, was man sich bisher erwartet hatte?
OK, man soll ja nicht fragen, nicht soviel… aber soll man es „drauf ankommen lassen“?
Damit ist man zurück beim Ausgangsthema: Wer sieht das jeweils so, wer stimmt mit Andern in welcher Sicht überein, wer KANN das sehen (aufgrund seiner Stellung in der Welt, der Produktion… vorher, nachher…?) – wer WILL das (nicht) sehen?

In solchen (Haupt?)Widersprüchen „treiben wir uns herum“…
Und das sind noch lang nicht alle. (Jana, die drüben in „ihrem“ thread unbehelligt, aber einsam ihre Runden dreht…)

Produktiv könnte sein, beim eignen nicht als dem Richtigen stehnzubleiben, sondern an DAS ANDRE, das damit ausgeschlossen ist, wenigstens ZU DENKEN, vielleicht mal ein bisschen mehr als bislang; weil da vielleicht auch was dran ist; der Befund kompliziert ist, und vielleicht auf lange Zeit – widerspruchsbehaftet, verknotet bleibt – nicht durchschneidbar (mit EINEM cut), nicht durch Dran-Zerren zu „lösen“.. vielleicht gibt es ja einen Anfang, der aber erst zu finden wäre.
Was für ein dämlich(argumentlos)er Appell…
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franziska
06. September 2015 um 14:57 Uhr

Alfonsito, ich wollte durchaus auf denselben Punkt zu sprechen kommen, in Form eines Nachtrags zu den „Hauptwidersprüchen“ oben, und ich wollte es tun durch eine kurze Erinnerung daran, was eigentlich die vier notorischen Nebenwidersprüche besagen, grade auch für uns hier:

Kopf/Hand: Wir hier sind alle Kopfarbeiter, und haben, woher immer, Zeit, Motiv und Mittel, uns zu streiten, na wenigstens das. Da möcht ich sagen: Es ist beinah schon ein Privileg, eine solche Unzufriedenheit ausbilden zu können wie die, die die „Notwendigkeitsfraktion“ womöglich vergisst. (Privileg im Sinne der allgemeinen Glückslotterie namens Klassengesellschaft). In meiner Aufzählung der Errungenschaften eben: Zeit Motiv Mittel, sollte auffallen die Erwähnung des „Motivs“ (das kommt zu den andern beiden HINZU, die natürlich nicht fehlen dürfen). Ich denke, die Erklärung von „Unmündigkeit“ aus unverschuldeten ODER „selbst verschuldeten“ Ursachen führt nicht weit, man versteht so nichts. Sinnvoller erscheint mir die Fragestellung: Wie und wodurch kann sich die Ausbildung des Reichtums (auch einer) an Gesichtspunkten und Begriffen, der sich in EINEM oder manchen Köpfen (und Leben) gebildet hat, in mehr, in vielen Köpfen und Leben wiederholen? Ich hoffe, dass der Bezug klarist zu dem einen der beiden Hauptthemen, auf die ich (siehe oben) gern linksradikale Debatten ausgedehnt sähe: Aufmerksamkeits-Steuerung von innen und aussen. Ebenso klar ist hoffentlich, dass mir die Möglichkeit von GEWALT im Zusammenhang damit (übrigens auch in der Hinsicht der trotzigen Verweigerung, des Sich-Abschliessens gegen andre) ständig präsent ist.

Mann/Frau: Die Gewalt kommt nicht immer von aussen, wenn ich mein eigner Auftraggeber (in eigner Sache; nicht für einen Markt) werde, kommt womöglich keine Konkurrenz mehr mit. Wer zB daran mitwirken will, dass öffentliche Dialoge wie dieser hier nicht permanent entgleisen, muss ein GEWALTIGES Mass an Disziplin (und noch einiges mehr) mitbringen. Das hat alles seinen Preis. Ein andres Wort dafür ist: Notwendigkeit; Kost. Unsre Spielräume, als Menschen, sind begrenzt. Grad auch die gequälter und sich quälender Lohnabhängiger.

Da reden wir nun von Sachverhalten, die wenigstens teilweise von uns gestaltbar sind („wovon wir Subjekt sind“ sagt libelle): woran denken; wie sich einteilen.
Aber riesige Zonen in dem Gesamt-Spielraum, von dessen Handhabung und Beschaffenheit unsere Lebensführung abhängen, liegen nicht in unserer Hand:

Stadt/Land. Das ist in Wirklickeit die Chiffre für das Ausmass an, jetzt mal, NICHT-Kontrolle über die NATUR-Voraussetzungen unserer Existenz (und genuss- und freudvoller Lebens-Einrichtung). Mittlerweile auch: die verdorbenen Anteile an diesen Voraussetzungen…
Zentrum/Peripherie: Das übersetze ich, wie man vielleicht gesehen hat, mit „Ungleichzeitigkeit“, und benutze, ziemlich ungewohnt in einem thread hier bei Neo, nochmal dieselbe Formel wie eben, nur dass ich GESCHICHTE anstelle von „Natur“ einsetze: Nichtkontrolle über die augenblicklich vorfindlichen historischen Zwischenstände, Ausgangslagen in Gestalt allgegenwärtiger Zurückgebliebenheit, nah und fern, in allen erdenklichen Hinsichten, die uns so weit Fortgeschrittene (im Zentrum) am Weitergehen (und erst recht die Andern am Mitkommen) hindert, eine zäh-elastische Fessel, deren Zug sich drastisch fühlbar macht, je kraftvoller wir vorwärts preschen wollen.

Vor Jahren bereits hat jemand gesagt: Die Delegitimierung in westlichen (also kapitalistischen) Industriegesellschaften habe spätes DDR-Niveau erreicht. Das kommt mir auch so vor. Schlimm ist: Die Leute deuten sich diese Hölle ganz verschieden – sie brechen daraus in ganz verschiedene Richtungen auf und aus (ich führe das jetzt nicht aus, obwohl man sollte). Das ist, was ich Ungleichzeitigkeit nenne; und das in Industrieländern. Die wird dann noch überlagert von den sich weltweit ausbreitenden Katastrophenlagen; darin steckt auch eine Menge massenhaft aufgebrauchter Humanressourcen (Geduld, Hoffnung, illusionäre Erwartungen… zB an „Modernisierung“ oder „Sozialismus“, zB im Nahen Osten).

Abgesehn von all dem Wirrwarr, den wir selber, hier, unter uns, nicht in den Griff kriegen (das, wovon mein letzter Beitrag ansatzweise handelte), sind DAS die Voraussetzungen, unter denen wir antreten.
Sich eigentumsfrei Einrichten, sich ein nicht zerrüttendes, ein gelingendes Leben einrichten, das mit Vergesellschaftung, vereinbar ist: das ist heute, meine ich, nicht einfach wünschenswert; es ist, sage ich, elementar nötig, um überhaupt zu ÜBERLEBEN. Die Zitatmontage im Kopf des Marx-Forums drüben bringt es auf den Punkt: „Der Kapitalismus hat es soweit gebracht, ‚dass die Individuen sich die vorhandene Totalität von Produktivkräften aneignen müssen, nicht nur (!), um zu ihrer Selbstbetätigung zu kommen, sondern schon überhaupt um ihre Existenz zu sichern‘.“
Also direkt an Alfonsito: Das ganz andre Leben IST das notwendige; der Gegensatz (Widerspruch) existiert nicht.
Leute, die sich und (spätestens darum auch) andre fertigmachen, bringen rein nichts zustande.

Und, ja, Kapitalismus ist keine gute Voraussetzung, um aus ihm rauszukommen.
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franziska
07. September 2015 um 18:47 Uhr

Mal abgesehn davon, dass „Maß“ und „Maßstab“ für TG höchst bedeutsame Unterschiede aufweisen (oben hat er schon mal Mattis die Verwechslung beider vorgeworfen) – ist jetzt auch noch klar, worum genau es sich handelt beim „ideelle(n) Maß der praktischen Kritik…, der die Herrschaft seine (sc. des Anarchisten) Lebensbedürfnisse beständig unterzieht, folglich das ideelle Maß seiner Unterwerfung“? Ich verstehe es nämlich so noch nicht. Sodass ich die Richtigkeit der Gesamtaussage auch nicht prüfen kann. – Ich quäle mich durch den Kapitalkommentar von TG (http://tomgard.blog.de/2010/08/18/kapital-bd-1-kap-1-stofflicher-reichtum1-9200692/ ). Bis jetzt (aber man muss sicher erheblich mehr von TG kennen als diesen Kommentar) finde ich die implizite („Prima-vista“-)Diagnose von Alfonsito – als Arbeitshypothese, die bei weiterem Lesen auch widerlegt werden kann – plausibel. Ich würde hier darauf aber nur zrückkommen, wenn ich den Eindruck hätte, dass es TGs Beiträge hier (aus meiner Sicht) verstehen hilft. Im übrigen hat sein Blog dort Kommentarfunktion.

@Max Also mit DEM Anfang kann man sowohl als BRD- als auch als DDR- oder Kommunismus-Fan enden. Bedürfnis anmelden – ja und? Suchen sie sich jetzt eine Herrschaft und/oder Management, die ihnen das versprechen und/oder akzeptieren sies, wenn ihnen gesagt wird (von welchen Bestimmern über ihre Arbeit und deren Ertrag auch immer), dass leider mehr nicht drin ist, aus Sachzwängen, von denen sie nichts verstehen? ODER erklären sie die Kontrolle über den Zusammenhang ihrer Arbeit mit dem, was dabei rauskommt, zu ihrem zentralen Bedürfnis – dann wenden sie sich nicht an Kommunisten, dann SIND sie welche. Ohne das geht der Kommunismus nicht (ob mit, ist leider nach wie vor die Frage).

@j. revoluzzt doch, ihr, hält euch keiner auf… oder fragste hier bei den strengen lehrmeistern nach, ob du/ihr auch darfst/dürft?

edit:
@Mattis: Das jetzt als Seitenhieb ausgerechnet gegen mich war ein kleines bisschen fies, nach meinen Andeutungen über den ganz andren Begriff von „Produktivität“ beim „produktiven“ Umgang mit der Biosphäre. Und selbst TG will in Gestalt von „wir Kommunisten“ die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten drastisch erhöhen, redet von vergifteter Nahrung usw.
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franziska
07. September 2015 um 20:11 Uhr

tja, j,, das is wirklich traurig! hier stimmt so gut wie keiner einem andern zu, und dass es mehr als ihn oder sie bräuchte, könnte jede/r sagen. also in abwandlung eines satzes von eckhard henscheid: manchmal… hilft halt im leben selbst der grössten revoluzzer bloss argumentieren weiter. (und sehr oft… nicht mal das.)
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franziska
07. September 2015 um 22:01 Uhr

Mir wär lieb, „meine Texte“ blieben aus dem Spiel, ausser denen, die ich hier schreibe und bestenfalls jenen, die ich (von meinen) selbst verlinke…
Nicht dass du pingelig oder methodisch bist, macht mir zu schaffen, sondern dass dus auf, nunja, mich verwirrende Weise tust (es läge nicht am Rezipienten, meint der Mitleser, das lass ich ohne weitere Erklärung erstmal offen).
Aber, um nun auch mal methodisch daherzureden, ein noch grösserer Mangel in deinen Texten ist für mich derzeit, dass du einerseits Gedanken in extrem komprimierter Weise, man möchte sagen ZUSAMMENGEBALLT, vorträgst – aber bei näherem Zusehen sind überall Poren, Nischen, Löcher, wo man dann doch nachfragen muss – wenn man die Lücke nicht mit Unterstellungen (wies wohl gemeint war) überbrücken will.
In DEM Fall ist die Lücke für ein Verstehen meinerseits diese: Die Herrschaft/Autorität erzeugt an Individuen eine sog. „herrschaftliche Verfasstheit“; genau die aber lässt die Individuen mit der Herrschaft kollidieren.
Ich versteh: Wenn sie so sind, wie die Herrschaft sie WILL (?) oder MACHT (?), geraten sie in „Kollision“ mit ihr; im ersten Fall will die Herrschaft Widersprüchliches von ihnen; im andern Fall… hm.. vielleicht Unmögliches, schwer zu Erfüllendes.
Da wär eine Präzisierung deinerseits angebracht.
Jetzt aber… die kollidierende herrschaftl.Verfasstheit hat Gründe; die „wollen“ (können, naja, egal) die Betreffenden, sofern „anarchisch“ in 3erlei Gestalt, aber nicht durchschauen – obwohl sie diese Gründe der Kollisionen diesen Kollisionen entnehmen könnten; sie wollen sich diese entnehmbare Gründe auch nicht erklären lassen. Stattdessen behaupten sie (die Anarchos), dass sie (die Anarchos) „so sind“ (wie sie sind; du sagst: so, wie die Herrschaft sie gemacht hat), und dass überhaupt gleich gar „der Mensch“ überhaupt „so“ sei. Und was sie da von sich und dem Menschen sagen, sind lauter „Idealismen“ (Ideal-Bilder, geschönte? nie realisierte, sein-sollende? oder was?) – die auch noch dazu Abstraktionen („abgezogen“) sind von ihrer herrschaftl.Verfasstheit (die kollidiert; Gründe hat, welche die Anarchos aber nicht sich erklären lassen wollen usw).
Richtig so?
Wenn ja… dann ist da ein SCHWARM theoretischer Aussagen über das, was den Dreh- und Angelpunkt deiner Charakterisierung der Anarcho-Position ausmacht, und das ist die Kategorie „herrschaftliche Verfasstheit“: Das ist, was die Herrschaft sie zwingt zu sein, einerseits, andererseits kollidieren sie aufgrund ihrer mit der Herrschaft. – Hm… was kann das sein? Ich komm nicht drauf. Und drum.. kann ich auch deine theoretischen Aussagen allesamt nicht überprüfen, weil mir das zentrale Subjekt all der Prädikationen fehlt.
Nun ist es nicht so, dass diese Bezugspunkte deiner Prädikat-Schwärme irgend anders wären – sehr häufig sind sie einfach WEITERE Prädikationen, allerdings im Stile der „Kennzeichnung“ (definite description https://de.wikipedia.org/wiki/Kennzeichnung ). BIsweilen sollen solche Kennzeichnungen gleich nochmal neu etwas, ein, das Y, charakterisieren, wovon du vorher geredet hast: DIESE/er/s X (wobei „X“ wieder eine neue Kennzeichnung ist, die man, eben anaphorisch, auf Y beziehen soll: Y ist auch das X (oder auch mal EIN X). Und dann kommt aber noch das Prädikat des Satzes, nächste Prädikation… Aussagen über Aussagen werden da, teleskopartig verdichtet, gemacht… aber das Subjekt, das, WOVON und worüber du redest, was du im Auge hast, erfährt der Leser zu oft nicht, errät es niht… Ich komm mir vor wie ein Philologe bei der Rekonstruktion eines zerfetzten Papyrus…
So Formalien wie das Wort „abziehen“, unterläuft mal, aber… hier sind nicht alle Profis.

Also, bitte: Sag einfach mal, worin die herrschaftliche Verfasstheit besteht, die kollidiert, die die Gründe (nicht alle) für sie erkennen lässt, und von der der Anarcho (3 Varianten) seine Idealismen (welche?) abzieht….
(Vielleicht ist dann der letzte Satz zu verstehen: Sie kritisieren nicht, was sie kritisieren wollen, sie nehmen es (was?) an…)

(Vielleicht ergibt sich daraus ja, wie grottenfalsch meine (und ev. Alfonsitos) Vermutung im bezug auf dich war..

PS: Falls das mit Mass und Masstab jetzt noch ne Rolle spielt, kannst du es ja einbauen. Aber… die Erläuterung zu diesen beiden Ausdrücken hab ich bisher noch nicht verstanden. (Bei Bedarf sag ich, warum…)
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franziska
07. September 2015 um 22:44 Uhr

(editiert 00.16 also hier 23.16)
Tja, speedy, kann sein, dass das gemeint war. Und dann kommt die (linke) (Agitatoren- oder (Sozial)Pädagogen-)Tour, wo man dem Adressaten/Klienten sagt, aaach komm DAS WILLST DU DOCH BLOSS WEIL (…der Staat dich dazu gemacht hat usw), gibs zu, dass du nur ein erbärmlicher kleiner Depp bist, weil VERNÜNFTIG ist das doch alles nicht, was du willst (bzw. „du willst halt nicht einsehen, dass…)
edit:
Die Frage wäre dann noch, ob alle Menschen mit anarchistischen Positionen das aufgrund eines CHARAKTERS sind.
Aber warten wir ab, wie TG es erläutert.
Denn… genau der INHALT der „herrschaftlichen Verfasstheit“ wäre damit ja nicht benannt. Wenn doch… wär die allerdings wirklich nicht mehr als der theoretisch verbrämte Auftakt zur eben angeführten rhetorischen Figur… die man allerdings auf so gut wie alles anwenden kann, was Erwachsenen und/oder linken Kritikern weiterhin stinkt, nachdem ihnen die Argumente ausgegangen sind.
(Es sei denn… sie wären selbst die Kritisierten, von jemand, den sie so billig nicht abbügeln können. Dann allerdings laufen sie (charakterlich?) zur antiautoritären Hochform auf…)
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franziska
08. September 2015 um 17:15 Uhr

@TG nun die Mehrheit der Leute hat, wie mir scheint, Angst vor „den Andern“, und sie verachten leider nicht grad wenige, sehr oft auch sich selbst.
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Das Traurige, @Alfonsito, ist: dass eine unterstellte „Delegitimierung auf spätem DDR-Niveau“ womöglich garkeinen Unterschied macht; die Annahme, warum das so sein könnte, habe ich angeführt: Es gibt soviele möglich erscheinende Auswege – verschiedene für höchst unterschiedene Leute und Gruppen, Minderheiten unter ihnen (die – in sich komplett zerstrittene – nicht-staatssozialistische radikale Linke ist nur eine unter ihnen – selbst wenn man die mitzählt, die ihr „folgen“ würden…). Von solchen fundamental-oppositionellen „Milieus“ gibt es zuviele, und sie haben keins mit dem andern zu schaffen, sie kommen ja allesamt kaum mit sich selbst zurecht.

DARAN ist (leider) erstmal niemand schuld, den man, als Verantwortlichen, oder als „die verantwortliche Ursache“ ausschalten, abschaffen, loswerden könnte.
Es ist vielmehr (ich sage dazu: Ungleichzeitigkeit) Ausgangspunkt, Voraussetzung, mit der wir alle konfrontiert sind und irgendwie zurechtkommen müssen; so wie mit dem ganzen Ausmass an Natur-Zerstörung, -Beschädigung, die die so grossartig „produktive“ globale Industrie angerichtet hat.


ANHANG: Entwurf für einen letzten Beitrag im "Butter-bei-die--Fische"-thread:

1. Ich würde gerne am Ende dieses threads (der womöglich keine Fortsetzung mehr findet, er ist auch so schon zu lang) versuchen zu zeigen, dass die hier vertretenen Positionen keine zufälligen sind, sondern einer Systematik folgen, nach der sich sowohl sie als auch die linksradikalen Standpunkte insgesamt ordnen (und verstehen) lassen. Dabei möchte ich als erstes die Abweichung der vier umstrittensten unter den hier geäusserten Standpunkten im Verhältnis zu der ihnen je zuzuordnenden "klassischen" linksradikalen Standard-Position darstellen, ich hoffe, dass gleich verständlich wird, welche ich meine:
- Libelle möchte sich, im Gegensatz zu Krim, nicht mehr auf das Gelingen einer unbestimmt auf das Herbeiführen von Konsens zielenden Vermittlung namens "Agitation" verlassen; die "Gesellschaft", die ihren Willen eigentumsfrei im Konsens bilden soll, muss dazu selbst, von selbst, gelangen; es kann ihr dabei nicht von aussen, beschleunigend, nachgeholfen werden.
- Mattis möchte sich, im Gegensatz zu den gsp-Vertretern (und erst recht Krim und Neoprene), nicht mehr auf das unbestimmte Versprechen verlassen, dass eine Gesellschaft, die sich von der staatlichen Verpflichtung auf Eigentum und Konkurrenz (und ihrem grundsätzlichen Willen dazu und Einverständnis damit) freigemacht hat, in ihr auftretende Differenzen auf informelle, quasi "familiäre" Weise austragen könne; stattdessen beharrt er darauf, dass die entfallenen staatlichen durch neu zu erfindende Institutionen für den Umgang mit (vorläufigem oder endgültigem) Nicht-Konsens ersetzt werden.
- WalB möchte sich, im Gegensatz zur ML-Tradition, keinesfalls auf einen unbestimmt wie, aber im Interesse der Produzenten ("Arbeiterklasse") gewaltmonopolistisch agierenden Organisator der anstehenden gesellschaftlichen Arbeit (und auch keine irgendwie geartete demokratische oder "gesellschaftliche" Simulation eines solchen) verlassen; stattdessen verweist er auf die Schwierigkeit der Aufgabe, die für die eigentumsfrei vergesellschafteten Produzenten ansteht: ihren Produktionszusammenhang, ihre versammelte Produktivkraft sich auch tatsächlich "unterzuordnen" und sie kontrolllieren zu lernen.
- TomG möchte sich nicht auf das Versprechen (etwa der utopischen Sozialisten und Anarch(okommun)isten) verlassen, die Produzenten, in ihrer Eigenschaft (und objektiven Verfasstheit, der sie sich subjektiv bewusst geworden sind: "Klassenbewusstsein") ALS Produzenten, würden darum schon ein hinreichendes Motiv haben, ihre gemeinschaftliche Reproduktion und deren Einrichtung zwanglos gemeinsam zu oganisieren; stattdessen sieht er sie allesamt auf der Ebene der technisch miteinander verknüpften Einzelarbeiten bzw. -Betriebe dazu herausgefordert, die dort je anfallenden (oder längst bestehenden, unerledigten) Herausforderungen zu bewältigen und in ihren Aus- und Rückwirkungen jeweils mit den (in sich verständigten, als "Bund") Repräsentanten der vorausliegenden wie nachfolgenden Produktionsstationen abzustimmen.

2. Diese vier "dissidenten" Standpunkte distanzieren sich also alle (das ist ihre Gemeinsamkeit) von einer - wenn ich sie so nennen darf - zugehörigen "Orthodoxie", die im Gegensatz zu ihnen ihre Hoffnung setzt in die unbestimmt-optimal gedachte Leistungsfähigkeit einer Kategorie, die wesentlich bestimmt ist als "das Andere" (post-revolutionär) eines jeweiligen "bürgerlichen" Gegenstücks:
- despotisch, durch reine Macht- und Gewalt-Verhältnisse erzwungene Arbeitsorganisation;
- Klassen-begründende Arbeitsteilung und Ökonomie;
- Staat (Gewaltmonopol, Durchsetzung von Allgemeinverbindlichkeit; Geld; Grenze);
- moralisierend-egalitär auf "Chancengleichheit/gerechtigkeit" orientierte "Zivilgesellschaft";
- moralisch-empathisches Verstehen, Verzeihen, Verzichten.
Es versteht sich, dass die sog. Orthodoxie dann auffächert in die bekannten traditionellen Grossfraktionen der traditionellen Linken:
- Linkslibertäre Anarchokommunisten (und utopische Sozialisten);
- Marxisten-Leninisten; dann, schon weniger traditionell:
- MG/gsp; schliesslich
- Vertreter von Standpunkten, die denen verwandt sind, die Krim hier vorträgt (und Neoprene, soweit er Krim folgt).
Dem davor Gesagten zufolge, haben sich die ursprünglichen Vertreter des jeweiligen "orthodoxen" Standpunktes (Krim und Neo im Verhältnis zu libelle so zu nennen, ist natürlich ein Witz) genau ein solches (Reserve)Versprechen gegeben: SIE, im Unterschied zu den ernüchterten "Dissidenten", wollten sich ihrerseits nicht NUR auf den prekären revolutionären Umschwung weg von dem jeweiligen "bürgerlichen" Ausgangspunkt hin zu seinem eigentumsfreien Gegenstück abhängig machen, stattdessen woll(t)en sie...
- (als Anarchokomunisten) ... setzen auf die unspezifisch über alle Detailprobleme der Arbeits-Koordination und -organisation hinwegtragende Schubkraft eines vor wie nach der Revolution fortbestehenden "Klassen"-Interesses an effizienter Produktion (zu der sie - als "die" Produzenten - so wie vor auch nach dem Umsturz qualifiziert sein würden - so die Erwartung); oder
- (als Marxisten(-Leninisten)) ... nicht abhängen von der (etwa von Marx) erhofften leichten Durchschaubarkeit und Regulierbarkeit des Zusammenhangs von Einzelarbeiten und -betrieben in einer "freien Produzenten-Assoziation", sondern sie rechneten sie mit der alle dort auftauchenden Widrigkeiten unbestimmt-optimal korrigierenden Gestaltungskraft eines Staatswesens (und einer drin ausschliesslich regierenden "Partei"), das sein Gewaltmonolpol ausschliesslich im Interesse dieser "Produzenten" einsetzen würde (wobei sich die übergrosse Mehrheit dieser Produzenten sich auch selbst- als "klassen"-bewusste Mitglieder dieser politisch beaufsichtigten Assoziation betrachten und verhalten würden - so die Erwartung); oder,
- (als MG/gsp) wollte und will man sich nicht auf die "Abschaffung" des bürgerlichen Staates (der gewaltsamen Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln, die durch Eigentum, Recht, Geld gesetzt war) verlassen, sondern erwartet sich von der endlich durch sich selbst "befreiten" Gesellschaft ein unbestimmtes Potential an Konsensfindungs-Fähigkeit und -Bereitschaft (die vorfindlichen Techniken zur Planung des Gesamtzusammenhangs würde man ganz selbst vom überwundenen System der Ausbeutung übernehmen - so die Erwartung);
- eben genau darauf wieder will sich nicht ausschliesslich verlassen müssen, wer diese grundsätzlich vorausgesetzte Bereitschaft ergänzt sehen will durch die Tätigkeit des Kritisierens und Agitierens, der (unbestimmt, wie) zugetraut wird, bei ihrer Betätigung jeden denkbaren "gesellschaftlichen" Dissens aufzulösen. - Also zweimal dieselbe Liste: Worauf die einen (s.o.) (schon) verzichten, darauf hoffen (noch) die andern.

3. Dabei gibt es einen nicht unerheblichen Nebenaspekt - schon in der "orthodoxen" Fassung sind ja je zwei benachbarte Kategorien-Ebenen verknüpft: die materielle Produktion mit dem ökonomischen Regulierungsapparat ihrer Organisation und der daraus automatisch sich ergebenden "Klassenlage" der so "Organisierten"; die Klassengesellschaft und der aus ihr heraus entstehende Bedarf nach der dazu passenden politischen Gewalt; der bürgerliche Staat und die von ihm ausgehende Zurichtung der Angehörigen "seiner" Bevölkerung aka Zivilgesellschaft zu nationalistischen Staats-abhängigen Staatsbefürwortern; die "Verhältnisse" (in eben dieser Gesellschaft), die diverse Formen gesellschaftskonformer Einstellungen nach sich ziehen in Gestalt ganzer Systeme von "Diskursen", "Ideologien", bedingt-(ein)gebildeten Interessen, die das Denken der Einzelnen weitestgehend im Griff haben (also alles, von dem aus sie urteilen, handeln, reden und "argumentieren"). - Also die 5 Kategorien-Gruppen ein weiteres Mal durchdekliniert, diesmal unter dem Gesichtspunkt ihrer paarweisen Verknüpfung; hier in der von "anfangend/unten" in Richtung "nächst-höher-folgende".
Diese Richtung ist die ursprünglichste; die Richtung zugleich, in der die Stufen, nicht einfach nur als empirisch wahrnehmbares Erfahrungsmaterial, sondern als erklärbares, theorie-bedürftiges wie -fähiges, in den Fokus der jeweils schon präsenten wie der neu hinzukommenden Linksradikalen-Fraktion gerieten. Die ersten, die so ein Stufenpaar aus ihrer "höheren" und somit (historisch) "reiferen", fortgeschrittenen Warte abhandelten, waren "die Marxisten" (in Entgegensetzung zu utopischen Sozialisten und Anarchisten), unter Berufung auf passende Zitate aus relativ frühen Texten im Gesamtwerk von Marx - jenen, die das Verhältnis von materieller Produktion (oder Stand der Produktivkräfte) und Produktions- alias (prähistorisch zumindest) Klassenverhältnissen reflektierten. Dies Verhältnis war in der Frühphase, also zur Zeit dieser Texte, reichlich asymmetrisch, gebaut: mit Produktion und Produktivkräften als handfester Basis, die bestimmte Produktions- und Eigentumsverhältnisse für ihren Betrieb auf "gesellschaftlicher" Stufenleiter erzwangen.
((Erst recht galt das für die "höheren" Kategorien, die dann bloss noch Oberflächen-Phänomene, bloss "Erscheinendes" (nicht Wesentliches), dh Bewusstseins-Überbau und spezielle Funktions-Derivate ("Gruppen von bewaffneten Menschen") dieser "Produktionsweise" darstellten.))
Das Verhältnis sollte aber ein "dialektisches" sein, insofern das vom Unterbau Getragene durchaus auf ihn zurückwirken, mit ihm wechselwirken und dabei sogar sich in ein (krisenhaftes) Miss-Verhältnis zu ihm hineinmanövrieren konnte, nein sogar MUSSTE, auf Dauer. In dieser (nicht enden wollenden) Spätphase kehrte sich dann, angesichts der "Krisenhaftigkeit" und zunehmenden Entgleistheit, das Konstitutionsverhältnis um: Die kämpfenden Klassen emanzipierten sich in der theoretischen Betrachtung von ihrer ursprünglichen Verankerung als Funktionsträger im Rahmen einer sie organisiert arbeitsteilig zusammenwirken lassenden "Ökonomie", und verwandelten sich in Bürgerkriegsparteien mit quasi angeborenen, wenn nicht beinah schon vererbbaren Standpunkten.
(Wenn man ganz genau hinschaut, findet sich diese Teilung in zwei Praxis-Felder, deren asymmetrische Beziehung sich historisch (auf Dauer) umkehrt, auch bei den Anarchisten: Hier treten sich die "sach-orientierten" Techniker, die irgendwie zusammenarbeitend Effekte hinkriegen wollen, einerseits gegenüber, andererseits die diversen Verfechter borniert-suboptimaler, gruppen- und einzelperson-bezogener, gesellschaftsschädlicher Projekte, die miteinander und mit den um Gemeinwohl-Optimierung bemühten Linksradikalen um Geltung und Durchsetzung kämpfen. Um kämpfen zu können, müssen auch bei den Utopisten und Anarchisten die Leute per technischem Fortschritt weitreichende Optionen (für alle wie einzelne) ins Auge fassen können und überhaupt miteinander in produktiven Kontakt gekommen sein.)
Derselbe Verlauf wiederholt sich in der Theorie-Entwicklung von MG und gsp: Erst "Ableitung" des Staats aus dem Kapitalbegriff; dann Koexistenz im Wechsel (Kapital schafft Mittel, Staat schafft die entscheidenden Rahmenbedingungen incl. "Wille zu ihm", beide reproduzieren sich demnach, einmal in diese Beziehung versetzt, zirkelhaft wechselseitig); zuletzt Umkehr der Ableitungsrichtung, Staat ist (Staaten sind) die Ursache von allem (Eigentum, Recht, (Staatskredit)Geld, (Staats)Grenze und Handeln diesseit wie jenseits davon). Der nächste Schritt ist schon mit der Nationalismus-Theorie gemacht, der bürgerliche Staat interagiert da schon nicht mehr mit einer ganz woanders her sich aus eigener Notwendigkeit aufbauenden Ökonomie, sondern mit "seinen" Staatsbürgern; wer da wen hervorbringt, wird da nacheinander erst ganz "ableitungsmässig" dem Staat, dann beiden im Wechselverhältnis zugeschrieben (letzteres die bekannte Debattenfigur: die Bürger NACHDEM sie erstmal in ihre Lage versetzt sind, wollen dann auch... (das ist ihre Zutat)... und erzeugen dadurch... könnten das aber auch unterlassen und...usw. ), schliesslich spätestens bei Krim ist die Ableitungsrichtung umgekehrt: Der Gemeinwille der Eigentümer als Grund des Staates steht fest.
((In libelles Äusserungen, erst recht aber in unendlich abgewandelten Diskurs- und Ideologiedeutungen (ideologie-kritischen), bringt die "reale Verfasstheit der gesellschaftlichen Verhältnisse" ein ausserhalb ihrer liegendes Derivat hervor, nach dem "Bedarf" besteht oder das "Ausdruck ist von..." - die Gesellschaft/Vergesellschaftung "erzeugt" sich "ihre" Ideologie". Weiter gehen naheliegende "dialektisch"-dynamisierte Wechselwirkung- und Entwicklungs-Modelle, in denen "die Gesellschaft" sich von ihrem eigenen vergangenen Output "abstösst" und auf die Weise irgendwie vorwärts, oder auch bloss von Diskurs zu Diskrus bewegt...), schliesslich sind die Herren des Diskurses (oder ist er selbst der Herr?) auch Herrscher über Kopf und Körper der Gesellschaft... Also auch hier zuletzt Umkehr der Erklär-Richtung.))

4. Am Rand der Randerscheinungen tritt dann noch eine weitere auf: So, wie man zu Beginn der ganzen Bewegung die später massgeblichen Abteilungen keiner besonderen Aufmerksamkeit würdigte - so verliert man in ihrem weiteren Verlauf die ursprüngliche Basis wieder aus dem Blick. Die "Ableitungen" sind demnach recht einfach gebaut: Das Verantwortliche ist 5mal dingfest gemacht, und allenfalls episodenweise in Wechselbeziehungen mit einem andern verstrickt; alles "oberhalb" ist draufgesetzt, Ausdruck, Abfall, entbehrliche Zutat, "Epiphänomen"; das unterhalb versteht sich von selbst, ist klar vorausgesetzt, aber eben DA, und kann (wieder) ausser Betracht bleiben. Das Modell wird also nicht unbedingt reichhaltiger bei der Wanderung durch die "Reifungsstufen", wie man es eigentlich erwarten würde. Zwei weitere Parallelen sind zu bemerken: Die Vorgeschichte der je massgeblichen Kategorie, die Art ihres Zustandekommens bleibt im Trüben, entscheidend ist jedoch, dass das Störend-Gegenwärtige sich DURCH SICH SELBST bereits bestürzend stabil erhält. Von daher besteht kaum Bedarf nach einer weiteren Erklärung für die Dauerhaftigkeit seiner Aufrechterhaltung - alle diese überwindungbedürftigen und kritikwürdigen (Gesellschafts-)Zustände sind selbst-reproduzierend. Das entlastet und vereinfacht den theoretischen Befund; freilich um den Preis, dass angesichts dieser bestürzenden Beständigkeit des Systems seine Veränderbarkeit fraglich wird. In allen vier genannten "orthodoxen" Fällen gibt es da drei Möglichkeiten: a) genau die Erkenntnis, dass das System sich von selbst nicht ändern wird (und mit ihm die Lage der angesprochenen ihm Unterworfenen, Lohnabhängigen usw), entfaltet die Veränderungsdynamik - es kommt darauf an, diese Erkenntnis zu verbreiten; b) dem System wird eine versteckte und erst in einer Spätphase sichtbar werdende autodestruktive Eigendynamik bescheinigt (technischer Fortschritt, der einen entscheidenden Unterschied in irgendeiner Hinsicht macht; Fall der Profitrate und "sich zuspitzende Widersprüche"; immer höhere Ansprüche der überlegenen Herrschaft, national wie international, an die ihr Unterworfenen, angesichts fortschreitender Erfolge ihrer Herrschafts-Stabilisierung; langfristige Selbst-Aufklärung und generelle Lernfortschritte der Gesellschaft uä). Schliesslich gibt es c) den "orthodoxen" Rückgriff auf die nächst-höhere und noch nicht hinlänglich bestimmte Kategorie:
- Produzenten-Klasse (durch ihre Stellung in der Produktion prädestiniert für...)
- sozialistische Politik und Staat (bestimmt durch den überlegen-guten Willen der "Arbeiter-Partei"),
- "Gesellschaft" (derer), die sich auf ihr Interesse besinnt (besinnen),
- Kritik, von der erwartet werden darf, dass sie "wirkt", weil sie "richtig" ist: Agitation.
Diese zweite Sphäre wird nötig, weil die "orthodoxe" "Theorie" der jeweils massgeblichen Kategorie (Kampf um Einfluss auf Gestaltung und Realisierung von Produktionsplänen bzw technischer Optionen; Klassenkampf; bürgerlicher Staat und Konkurrenz; unreflektierte gesellschaftliche Praxis) sie als selbsttätige Macht beschreibt, die "sich" über den ihr ausgelieferten Individuen und durch sie hindurch betätigt; der Theoretiker dieser Macht schafft sich so eine zweite Ebene, auf der er die Macht umgehen kann, und die Untätigkeit und Passivität ("Attentismus") hinter sich lässt, zu der ihn seine Theorie verurteilt. Aber auch hier zahlt er einen Preis: In Gestalt der Unbestimmtheit, Unbegriffenheit, Unanalysiertheit, in der er diese Sphäre gedanklich belassen muss, um die Erwartung (bis auf weiteres) haben zu dürfen, dass sie seinem Aktivismus entgegenkommt. Die Theorie aber schliesst, Stufe für Stufe, diese Freiräume, die man sich als unbestimmt wie zustandezubringende Optimalität und Optimierung von bürgerlichen Formen von Ökonomie, Staat, Gesellschaft, Begründen/Legitimieren zustandezubringend vorstellen könnte. Spätestens auf den "dissidenten" Standpunkten wird dann nicht nur resigniert die damit unausweichlich gewordene passive Position eingenommen, sondern obendrein jeweils ein Problem entdeckt: Wenn die Triebkraft des Klassenbewusstseins, die Zwangsmittel des Arbeiterstaats und der Partei, oder das zur massenhaften gesellschaftlichen Normalität erhobene Bewusstsein der Abhängigkeit aller von der gemeinsamen Reproduktion, ja nicht einmal das Einwirken-Wollen auf andre durch die EIGNEN Gesichtspunkte und Relevanzkriterien (was Aufmerksamkeit verdient und was nicht) - wenn das jeweils auf seiner Stufe also nicht mehr als hinreichend angesehen wird, um auch nur die nötigen Schritte der Organisation, Willensbildung, Verallgemeinerung von (dieser letzteren vorausgehenden) Bewusstseins- Wissens- und Erfahrungsverarbeitungs-Ständen sowie schliesslich der Ausbildung von Lern-Regeln (nichts andres sind ja Relevanz-Kriterien und Begriffssysteme, also Formen der Organisation von Aufmerksamkeit) zum Zweck des (revolutionären) ÜBERGANGS in den eigentumsfreien Zustand zustandezubringen - wie sollten denn DANN auf Dauer die AUFGABEN von Organisation (Planung, Koordination), gemeinsamer Willensbildung (angesichts ständig neu hinzukommender Erfahrung der Einzelnen), Erfahrungsabgleich und Regeln des Umgangs mit (diesem anwachsend gemeinsamen) Wissen und (Noch)Nicht)Wissen bewältigbar bleiben, die sich tagtäglich IM eigentumsfreien Zustand stellen würden?
Allein die Frage stellen: WIE sollen die "frei assoziierten" Produzenten es allein bloss kraft ihres Klassenbewusstseins schaffen, ihre Arbeitsteilung zu organisieren - wie es der Arbeiterstaat, sie zum Einverständnis zu führen, wie die eigentumsfrei gewordene Gesellschaft, die Erfahrungen der Einzelnen zu vergesellschaften, wie die jederzeit argumentations- und kritik-bereiten Einzelnen in ihr, einander zu vermitteln, was warum ihnen wichtig ist? - allein das ist Ausdruck davon, dass die Unbestimmtheit verschwunden ist, die da noch Freiräume zu sehen und Hoffnungen darauf zu setzen gestattete.

5.  Aber die Frage stellen ist nicht dasselbe wie sie beantworten. - Das wirklich Bemerkenswerte an dem in 4. Festgestellten ist: Dass für das Funktionieren der jeweiligen Mangel-Feststellung ("Kritik") und daran anknüpfenden Utopie/Praxis/Konsequenz ("Abwerfen/Abschaffung von..."; immer negativ bestimmt) der jeweils fokussierte Hauptgegenstand dieser Kritik völlig ausreicht als universell verantwortliche Schadensquelle. Die höchstens anfänglich noch erwogene Verbindung nach der (historisch) zuletzt in Betracht gezogenen Hauptursache (die "Bedarf erzeugt nach...", Konkurrenz Bedarf nach Staat, Staat nach Nationalismus in der Gesellschaft, Nationalismus nach passender Ideologie) gerät schnell aus dem Blick. Aber die Schädlichkeit, die sich davor so überzeugend als die einzig veratwortliche darstellte, verschwindet ihrerseits nicht aus der Welt, sodass all diese Gesichtspunkte, unter denen das Bestehende vernichtend kritisiert werden kann (besser gesagt: unter denen die Kritik das Vernichtende daran und darin zeigt), nebeneinander vorgetragen werden und von ihren jeweiligen Vertretern für die ausschlaggebenden ausgegeben werden; daneben treten dann noch dieselben (aber sind sie das?) Gesichtspunkte in ihrer desillusionierten Gestalt (die "dissidenten") - leider nicht weniger gleichgültig gegen die Anbindung ihrer Zentralkategorien an die je andern. So stehen sie alle nebeneinander, jeder Standpunkt verkörpert etwas irgendwie wichtiges, das AUCH beachtet werden sollte, auf diesem AUCH beharren die einzelnen radikal linken "Spektren" als dem je einzig massgeblichen; dabei wären diese Zentralkategorien durchaus alle zugleich bedeutsam, aber eben nicht unverbunden nebeneinander, sondern in angemessen logischen Beziehungen ZUEINANDER geordnet.

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Fragment. Weitere Ausführungen zur Systematik radikallinker Standpunkte, die sich hier erstmals andeutet, hier