Selbstbestimmung als Aufgabe

Benni Baermann hat bei keimform am 12.03.2018 einen Folge-Artikel zu seinen "42 Thesen" eingestellt, worin er versucht, seinen Begriff der "Elementarform" und damit zusammenhängende präziser zu fassen. Darauf geht der nachfolgende Text ein (Beginn: 16.03.2018; wird vermutlich noch fortgesetzt; die geplanten Fortsetzungen werden hier oben jeweils angezeigt.)

20.03. Punkte 4 und 5

@Benni

0. Gut; wir sind einen Schritt weiter, und haben eine fundamentale Unterscheidung vor uns, die nämlich in elementare (interpersonale) Handlungen (ergänze: zu wiederholende solche), die gemacht werden müssen, und die (transpersonale) gesellschaftliche Bedeutungsstruktur, in deren Rahmen diese Handlungen stattfinden - beide Momente sind nötig, aber auch (während einer Epoche; vermeintlich) hinreichend, um dann zusammen die (transpersonale) Kohärenz der betreffenden Gesellschaft zu erhalten.
"Elementarform", so habe ich es verstanden, bezeichnet das (bislang unbestimmt, wie sich zusammensetzende) Ensemble aus einer regelhaft gestalteten, regulär wiederholten massenhaften interpersonalen Praxis UND der gesellschaftlichen (transpersonalen? transpersonalisierenden?) Bedeutungsstruktur (Vermittlungsform im Sinne Stefans?), die... (bislang keine Bestimmungen, nur: mehr als..., nicht ohne...).

1. Es ist aber noch ein zweiter Begriff neu hinzugekommen: Materialisierung von Transpersonalität. Bei ihm frage ich mich, warum du solche Anstrengungen unternimmst, um ihn ausschliesslich der Warenform zuzuordnen. Ich verstehe in dem Zusammenhang nicht, warum du die klassischen Grundbegriffe der HistoMat-Terminologie meidest, in dem Fall "Arbeitsteilung". Was ist denn die Materialisierung der Transpersonalität andres?
Anm. Irgendwie scheint da der Gedanke mitzuspielen, alles vormodern-vorkapitalistische, da imperial-hierarchisch, sei nicht so richtig transpersonal gewesen; in einer "hierarchischen" Beziehung KENNT man doch zumindest die Herrscher, den Imperator.
Nun - man weiss von seiner Existenz, kennt seinen Namen, seine Funktion, hört Nachrichten über ihn. So wie es auch sonst bei  Gruppen oder Einzelnen der Fall ist, zu denen einzelne (untereinander interpersonal verbundene) Personen in "transpersonalen" Beziehungen stehen. Die hier entscheidende Frage ist: Welche Eigenschaften einer interpersonalen Beziehung gehen auf der transpersonalen Ebene verloren oder werden auf allenfalls prekäre Weise durch das Element der "Bedeutungsstruktur" der Elementarform simuliert, emuliert... was immer.
Anm. Wenn "Materialisierung von Transpersonalität" mit "Arbeitsteilung" gleichgesetzt würde (ich neige, wie gesagt, dazu): Wie steht das dann im Verhältnis zu den klassischen Kategorien: Produktivkräftestand-Produktionsverhältnis-Produktionsweise (letztere als vorübergehend stabile Zusammensetzung aus beidem)? Ich würde die Arbeitsteilung spontan der Produktionsweise zuordnen: Bei einem gegebnen Stand der Produktivkräfte ist das Produktionsverhältnis erzwungen (notwendig, nicht beliebig; selektiert), nämlich als (Elementar?)Form der Arbeitsteilung auf dem erreichten Stand der Produktivkräfte.


2. Du hast mittlerweile innerhalb der elementaren Handlung(bestimmungs-Gründ)e(n), die Welt- (speziell Weltwissens-)bezogenen von den Vergesellschaftungs- (Koordinierungs-, Verständigungs-) bezogenen unterschieden.
Es gibt da sogar eine Dreiteilung: stofflich, direkt und indirekt abgeleitet,
"Quer" dazu, aber wiederum nicht dreigeteilt, läuft eine weitere Unterteilung, der man den Arbeitstitel "subjektiv" vs "objektiv" geben könnte. Tatsächlich bezieht sich diese zweite Unterteilung auf dieselben "Ebenen":
- Das "objektiv" Stoffliche muss ja irgendwie auch "subjektiv" bewusst, gekannt, verarbeitet sein, um darauf bezogenes "elementares" Handeln zu begründen - es sei denn, es bricht irgendwie Materiell-Stoffliches über eine darauf nicht vorbereitete Gesellschaft herein: dann gibts aber auch noch keine "elementaren Handlungs"-Antwort darauf - die kann ja nur als (bewusste, vorab so festgelegte) Befolgung einer Regel stattfinden.
- diese Regeln müssen aber geteilt (gemeinsam; arbeitsteilig-aufgeteilt) befolgt und ausgeführt werden: sog. indirekter Bezug. Auch hier wird "elementar" gehandelt - aus dem "objektiv möglichen" Umgang vieler Leute mit dem Stofflichen werden bestimmte "elementare" Regelbefolgungen selektiert, nur sie werden ausgeführt; und das muss dann "objektiv" sowohl stofflich als auch im Zusammenspiel gelingen: es sind im grossen ganzen ein und dieselben "elementaren" Handlungsmuster, die diesen BEIDEN Anforderungen durchgehend genügen müssen. (stofflich=Produktivkraftebene; indirekt=Produktionsverhältnis-Ebene; beiden Anforderungen genügend: Produktionsweise - Prod.verhältnis passt zum Stand der Prod.kräfte).
- Was sich auf der indirekten Ebene abspielt, scheint ganz und gar subjektiv; was die Fetisch-Gläubigen sich da an Ideologien einbilden, trifft auf materialistische Kritik. Die aber kann nicht lauten: Vergesst diese Ebene. Denn zur Basis ("legt die Basis frei!") gehören auch Regeln des Umgangs mit Unbekanntem, Unkontrolliertem, und des Sich-dazu-(nicht) Verhaltens (des bewusst sich darum NICHT Kümmerns) - weitere Selektionsregeln, enge und weite, für das, was auf den beiden Ebenen darunter geschieht. (Auch Materialisten werden rationale Hypothesen (bis zu deren Wiederlegung) ihrer aller Zusammenarbeit zugrundelegen: Solche, die das Stoffliche betreffen; und solche, die sich auf "die je Andern" und Bedingungen der Koordination ihrer Einzelhandlungen beziehen.) - Die (rationelle) Wahl der sinnvollerweise als erstes zu prüfenden Hypothesen war und ist "subjektiv"; was davon widerlegt (falsifiziert) ist, ist der "objektive" Anteil auch noch der Handlungs-selektierenden Regeln auf dieser Ebene.
Anm. Das langfristig vor allem auf der "indirekten" Ebene angesiedelte Spannungsverhältnis von "Normalem, Normalbetrieb" (faktisch eingerichtetem, Bestehendem, massenhaft Befolgtem) und "Kritisch-Normativem" (Einsicht, warum das Faktisch schlecht ist und nicht gelingen kann) hast du angesprochen. Es bleibt die Frage, ob sich der hypothetische oder Glaubens-Überschuss über das Bestehende hinaus (der zugleich fest etabliert sein kann als bestehender Glaube) nur auf die Vergesellschaftung (direkt abgeleitete Ebene), oder auch aufs Materiell-Stoffliche beziehen kann. Gibt es eine vormodern-religiöse Art modern zu sein? Ich sage: Ja, die gibt es.
Anm. Was du versucht hast, mit "Fetisch" zu fassen, ist ein Typ Hypothese, der aufgrund begrifflicher Fehl- oder Mangelkonstruktion keine Falsifikation zulässt; es sind typisch idealistische-ideologische, Glaubens- oder religiöse Ideal-Vorstellungen. Es würde im Moment zu weit führen zu erklären, worin der Mangel besteht. Aber für die interne Klärung der "materialistischen" Position scheint mir solch eine Erklärung dringend an der Zeit.


3. Ein entscheidender Mangel in der Anlage deiner Kategorien-Bestimmungen ist aus meiner Sicht im vorstehenden Text angeklungen: Nämlich, dass es in deiner Kategorien-Explikation keine Begriffe für die konkrete Beschreibung gibt der konkreten Art, in der Regel- und/oder Begründung-Ebenen miteinander in Beziehung stehen. In der Beschreibung von elementaren Praktiken kommen die diversen Ebenen aber vor - und zwar durch Benutzung von Konjunktionen wie: Y (höhere Ebene) tun, INDEM, DADURCH DASS man X (tiefere Ebene) macht; oder X machen, UM ZU, WEIL man Y bewirken/auszuführen (will) usw
Das Koordinierte (Y) UND ZUGLEICH stofflich (weltbezogen-)zweckmässige sind Eigenschaften EIN UND DERSELBEN Handlung(sweis)en X - aber sie sind hierarchisch in der angegebenen Weise angeordnet:
Weltbezogen zweckmässiges Kollektivziel Y wird befördert (in der Erwartung, dass es gelingt und andre ihren Beitrag leisten), DADURCH DASS Einzelperson/gruppe P/G stofflich Handlung(sweise) X ausführt.
Um deine einschlägigen Reflexionen zu wiederholen:
Man sieht in diesem Moment nur X stattfinden; man muss wissen, dass X "Sinn macht" (andere Ausdrucksweise für "in einer Bedeutungsstruktur stattfindet") im Rahmen von Y; schaut man länger hin, sieht man, dass Y regelmässig vom Kollektiv ausgeführt wird, dem P/G angehören, und ebenso regelmässig (zu bestimmten Zeitpunkten, an Orten, unter Bedingungen) X.
Anm. Sie machen X so, wie sie es tun (und unterlassen ebenfalls stofflich mögliche X', X''..), weil sie arbeitsteilig (Vergesellschaftungs)Regelsystem Y (anstelle anderer möglicher Y', Y'' usw) befolgen, und das unter der (geteilten; zumindest nicht offen bestrittenen und angefeindeten) Leit-Hypothese Z (auch ein Regelsystem, das unter der Reihe der Y-Regeln Y, Y', Y'' nur Y zu wählen gestattet).
"Fetischistisch" ("idealistisch", mein Ausdruck) ist also eine Art, gesellschaftlich-arbeitsteilige Organisation der materiell-stofflichen Reproduktion (unter denen, die erfahrungsgemäss überhaupt gelingen können) zu wählen (und das zu begründen, legitimieren usw) unter denen, von denen (spätestens angesichts historischer Erfahrungen mit "Scheitern" bestimmter Formen) anzunehmen (Hypothese!) ist, dass sie "funktionieren".
"Elementarform" ist dann ein gültiges (nicht be- und umstrittenes), darum von hinreichend vielen befolgtes Regelsystem mit samt der Art, wie es begründet (legitimiert usw) wird, dessen Befolgung objektiv die Chance hat (die von den Regelbefolgern subjektiv korrekt so eingeschätzt wird, eventuell auch "zu optimistisch"), in Fristen die arbeitsteilig organisierte stoffliche Reproduktion der Regelbefolgenden in Gestalt von regelmässig wiederholten, dies Regelsystem befolgenden "elementaren Handlungen" zu gewährleisten.

4. Nach diesen ersten Vorüberlegungen möchte ich auf die Frage der möglichen DIVERSITÄT oder umgekehrt UNI- oder KONFORMITÄT des Elementaren kommen.
Auf den ersten Blick ist ja im Bereich des "Stofflichen" gerade NICHTS gleich bei verschiedenen beteiligten Akteuren, bei entwickelter Arbeitsteilung machen zumindest im Berufsleben (oder der Vorbereitung darauf) alle etwas andres als die andern (wenn auch wiederum ähnlich wie manche). Wenn sie sich bei Bedarf im Bereich öffentlicher Infrastruktur und Dienstleitungen bewegen, nähern sich die Praktiken der höchst unterschiedlich Berufstätigen dann wieder an, und werden in etlichen Hinsichten "normalerweise", massenhaft, "gewohnheitsmässig", sehr gleichförmig, Verkehrsregeln werden beachtet, Anweisungen und Ratschläge von Zuständigen, Experten, werden mehr oder weniger befolgt (Nichtbefolgung ist unterschiedlich sanktioniert), Eigentum wird nicht unerlaubt betreten, schon garnicht gewaltsam, alles mögliche wird gekauft und mit Geld bar oder unbar bezahlt, durchgehend "benimmt" man sich in der Öffentlichkeit (auch im Berufsleben, im grossen ganzen), Ausrasten und Gewalttätigkeit sind verpönt, in Familien, Beziehungen, zwischen Freunden, (Internet)Bekannten, Arbeitskollegen (also "interpersonal") ist der Umgangston entspannter, eben "vertrauter", darum nicht immer offener oder unaggressiv, oft sogar im Gegenteil. Das Privatleben hat grossenteils Passagen, die bei den meisten - zumindest was die involvierten "Kategorien" angeht - ähnlich verlaufen, individuell sind kleine Abweichungen, ansonsten ähneln sich die Alltage moderner Menschen in Industriegesellschaften, wesentliche Unterschiede der Lebensführung und Lebensentwürfe entfalten sich entlang von Klassen und Schichten, Befugnissen und Rechten (angefangen bei Eigentum, Ausmass der Verfügung über Geld), solcher klassischer Positonen wie Metropole und Provinz/Peripherie, Bildungs- oder Informationsgraden und wofür Leute (nicht zuletzt aufgrund dieser Vorbildung) Interesse aufbringen, männlich/weiblich, dem Lebensalter und der Generation, Geschmack, Meinungen und Überzeugungen, der Region, aus der man kommt bzw wo man aktuell wohnt.
Obschon eine ganze Menge Konformität im Handeln (und seinen Gründen) der überwiegenden Mehrheit anzutreffen ist, scheint die (va arbeitsteilige, oder Pluralismus- und "Individuierungs"-begründete) Diversität nicht minder unentbehrlich für die Funktionalität des Ganzen - den Erhalt, die Reproduktion aller, in den gegebnen (wenn auch beständig sich in Details wandelnden) Lebensformen, und der Art, wie die Einzelnen ihre Einschätzungen, Erwartungen, Begriffe, Regeln, Hypothesen usw in ihnen begründen und angesichts gemachter Erfahrungen bzw neu hinzukommender Information abändern.
Aber diese monströse Diversität ist in funktionierenden Industriegesellschaften dann auch wieder sehr geordnet, man kann drei solche Ordnungs-Dimensionen unterscheiden:
1. die "diachron" fortschreitende Ordnung der NACHEINANDER in einem Alltag (all den nebeneinander verlaufenden Alltagen) zu seiner (ihrer) Bewältigung nötigen Einzeltätigkeiten;
2. die "synchrone" Koordination der sinnvollen Aufteilung des NEBENEINANDERs und Ineinandergreifens all dieser Alltage: Synchronisation und räumliche Koordination (jeder tut zur rechten Zeit am rechten Ort das Seine) der Einzeltätigkeiten; mit 1. zusammen wälzt sich dieses koordiniert-synchronisierte Riesen-Bündel an Einzeltätigkeiten durch die gemeinsam von allen Gesellschaftsmitgleidern durchlebte Zeit; hoffentlich ohne zu entgleisen oder seinen Zusammenhalt zu verlieren;
3. aber selbst wenn solch ein Verlust des Zusammenhalts nicht stattfindet, so muss doch die ganze Riesenbewegung UND jedes einzeln darin sich weiter-bewegende Leben, über den blossen Leistungsfähigkeits-, Gesund-Erhalt (und, auf mittlere Sicht, auch Erhalt der Fortsetzbarkeit des Ganzen i ngestalt von Nachkommen, deren Hineinwachsne in die Gesellschaft), SINN machen; die blosse Erhaltung allein ist kein solcher. Und dieser Sinn ist kein weit über den Einzelleben sich ausbreitender; aus ihrem Mitwirken am grossen Ganzen müssen die Einzelnen auch eine Anschauung dessen gewinnen, an welchem projekt sie da beteiligt sind: Der Sinn ihrer aller koordinierten und kooperativen Gesamttätigkeit muss - auf welche Weise immer - für die Einzelnen nachweisbar in ihr Leben hineinreichen.
So sind also die Einzelnen nicht nur, wenn es gut geht, immer weiter im Fortschreiten ihrer Alltage zweckmässig verbunden - sie müssen dabei auch begreifen können, dass und wie dieser ihr Verbund auf alle entscheidenden Fristen ihrer Existenz für sie Sinn macht.
Ganz kurzfristig in der Lebensführung und -einrichtung von Tag zu Tag (auf die sich die meisten von langer Hand und dauerhaft einstellen mussten und eingestellt haben; da es hier meist darum geht, "konfliktfrei" sich für eine Seite in widersprechenden Anforderungen und Belastungen zu entscheiden, nenne ich das - hoffentlich konfliktfreie - Resultat solcher langfristigen Lebenseinrichtung: die IDENTITÄT des Betreffenden).
Längerfristig in den Projekten, die sie sich im Rahmen ihres Lebensentwurfs vornehmen, als Beitrag zu dem, und Teil dessen, was den Zeitgenossen in dieser ihrer Lebensfrist, ihrer "Generation", überhaupt zu leisten möglich scheint. (Der LEBENSENTWURF wird geplant im Rahmen einer vorgestellten LEBENSFORM und deren erwartbarer Gestaltuing im Verlauf der kombinierten Lebensläufe der eigenen "Generation").
Langfristig aber sollte sich dies einordnen lassen in das biographien-übergreifende Projekt oder "Programm" (uU identisch mit der Gruppe, die es ausführt), dem sie sich verpflichtet (und der sie sich zugehörig) fühlen, das vor ihnen gestartet wurde und über sie hinaus, mit dem dann erreichten Stand, an nachkommene Ausführende dieses Programms bzw der Gruppe übergeben wird. (Ich nenne ein solches biographien-überschreitendes Programm die INDIVIDUALITÄT des betreffenden.)
Und dies Projekt sollte sich, ohne der Gesamterfahrung (einschliesslich der in Bildungsgängen ihnen überlieferten) der Betreffenden zu widersprechen, vielmehr sich aus ihr als Resultat immer wieder ergebend), aus IHREN Vorstellungen, wie Projekte (Ziele; und zumindest Versuche, sie zu erreichen) bei gegebnem Stand der Erfahrung aus deiser Erfahrung abzuleiten und mit ihr zu begründen sind. (Die je eigenen Vorstellungen einer Person von rationalem Ableiten von kollektiven (zumindest Versuchs-)Zielen (Absichten, Handlungen) aus gegebnem Erfahrungswissen bzw vom rationalen Begründen solcher Ziele MIT solcher Erfahrung nenne ich ihre Begründungsweise oder MENTALITÄT.
Jenseits davon haben all diese Personen mehr oder weniger ausgeprägte Begriffe davon, was sie unter welchen Umständen von Andern zu erwarten haben, die andere Mentalitäten aufweisen als sie, speziell, was diesen Andern vermittelt werden müsste, damit sie ebenso begründen wie die Person selbst. Dazu muss die Person, als Trägerin einer Mentalität, Vorstellungen (sogenannte Verständnisse) davon entwickeln, unter welchen Bedingungen man ihre Mentalität (noch) nicht teil, und was es ist, das denen fehlt, die anders begründen bzw ableiten (und dann auch anders verstehen, kritisieren usw) als sie. Was man im Rahmen solcher Verständnisse des Tuns und Lassens, des Redens, Begründens usw Anderer von ihnen erwarten kann (spätestens wnen man SELBST oder Gleichgesinnte Bestimmtes tun und lassen, sagen, begründte haben usw) - das spielt sich ab im Rahmen der Vorstellungen der Betreffenden davon, was von rationalen Wesen, Personen, Zurechnungsfähigen, Erwachsenen, Nicht-Verrückten, rational Operierenden usw ÜBERHAUPT zu erwarten ist - wenn und weil sie verstehbar sind, "auf ihren Grundlagen". Die Grenzen der Verstehbarkeit (soweit jemand sie abgeschritten und für sich ausgemessen hat) definieren dann, was für einen Begriff der Betreffende von rationalem, also verstehbarem, nicht verrücktem, "gestörtem" Verhalten (Mentalitäten unter allen überhaupt möglichen Voraussetzungen, auch anderen/zurückgebliebenen, verglichen mit seinen: Es ist in gewissem Umfang verständlich, wenn und weil sie unkorrigiert anders begründen als man selbst) hat: Es ist ein Begriff von PERSONALITÄT, verstehbaren und korrekturbedürftigen Abweichungen; die Korrekturen, die die andern - sofern nicht verrückt usw, also als Personen - benötigen, um auf seinen Standpunkt zu gelangen, machen insgesamt seine Vorstellung von VERMITTLUNG (Andern verständlicherweise zu Vermittelndem, damit erwartet werden kann und darf, dass sie zur eignen Mentalität übergehen; sofern sie für einen verstehbar bleiben sollen, und nicht verrückt, gestört, nichtmehr ernstzunehmen usw erscheinen sollen.)

5. Diese Ausdifferenzierung dessen, was massgeblich begründet, was die Einzelnen für sich bzw von sich und andern wollen, befürworten, fordern und erwarten, ist ein hierarchisch gestuftes Regelsystem, dessen Stufen durch WEIL- bzw -UMZU-Relationen (umgekehrt: DADURCH-DASS-) verknüpft sind. Die Einzelnen nehmen dabei auch Stellung zu ihrer koordiniert-kooperativen Stellung zu Andern um sie herum (ihre Befürwortungen handeln davon: was sie vorschlagen, fordern und erwarten von Andern, und was an solchen Vorschlägen, Forderungen und Erwartungen Anderer an sie sie "legitim", berechtigt, verständlich und zu übernehmen (anzuerkennen, bejahen usw) finden) - soweit sie sie (wenigstens im Prinzip) kennen; und sie beurteilen aus ihrer Warte die übergreifenden Zwecke, die mit Blick auf die verschiedenen für sie jeweils entscheidenden Fristen - jenen, die sich mit Lebenseinrichtung, Lebensentwurf, Individualität, Mentalität, Rationalitäts-Vorstellung verbinden - faktisch GELTEN, und dazu passen, oder auch nicht: ihr faktisch umgesetzte Lebenseinrichtung, Lebensentwurf usw mag von dem erwünschten (befürworteten, dem ws sie eigentlich tun wollen und für richtig halten) mehr oder weniger abweichen, sodass sie sich zu etwas GEZWUNGEN fühlen, weil Widerstand zu aufwendig oder gleich ganz unmöglich ist.
Aber das ist nicht die einzige Stellung, die Leute mit Bezug auf Lebenseinrichtung usw haben können (im Extrem könnten sie ihr Leben, Lebenseinrichtung, -entwurf, Individualität dem Kampf gegen den Zwang und der Durchsetzung, Vermittlung usw des für richtig Gehaltenen widmen).
Sie können das Gültige (mit einer gewissen Variationsbreite denkbarer Abweichungen, die aber keinen entscheidenden Unterschied machen) unabhängig von seiner Geltung für komplett richtig begründet, zu befürworten, zu fordern und auf Dauer allen Vernünftigen einleuchtend halten, und dies mit dem gegebnen Stand des erfahrungswissens und ihrer Begründungsweise aus ihrer Sicht rational und vollständig ableiten (damit begründen).
Andere können sich diese Bewertung zueigen machen, und sie mit vertreten; sie können es tun, ohne die Begründung komplett zu kennen, oder nachvollzogen und aus eigener Sicht überprüft zu haben. Sie verlassen sich auf die Korrektheit der begründung der eigentlichen Befürworter - sie vertrauen AUTORITÄR. Und das eben im Mass, wie sie unvollständig prüfen, unvollständig Verantwortung für die Richtigkeit der Begründung übernehmen und stattdessen das Fehlende (ohne es recht beurteilen zu können) an die Meinungsführer delegieren.
Sie können freilich immer noch "Filter" der Plausibilität nutzen, durch die passen muss, was für sie akzeptabel ist an Positionen und Legitimationen.
Wenn diese Filter immer weiter werden, und der Nachvollzug oder die Prüfung der Begründungen immer oberflächlicher, nimmt die Befürwortung und das blosse Nachreden der "offiziellen", von den beidne genannten Gruppen vertretenen Begründungen immer stärker einen "konformistischen" Charakter an - man akzeptiert in dieser Konformisten-Gruppe das von den beiden genannten Gruppen benannte und installierte "Gültige" als solches, und ist damit zufrieden, es nur überhaupt als eigne "Meinung" mit-besprechen zu können.
Diese drei Gruppen, wenn sie gross genug sind, haben einige Durchsetzungsfähigkeit; zu dem Resultat, dem mit dieser Fähigkeit Geltung verliehen wird über die drei bisher genannten Befürwortergruppen hinaus, stellt sich eine weitere Gruppe, nämlich berechnend: Sie befürwortet das, was gilt, aber aus anderen Gründen als denen der eigentlichen Befürworter - "berechnenden" Gründen nämlich.
Ob Zustimmung zum Gültigen dabei nur auf unmittelbar eigne Vorteile darin zielt, oder sich taktischen Überlegungen verdankt, wir durch Gewährenlassen des bestehenden Zustands eigene, momentan aber nicht durchsetzbare Ziele befördert werden - das ist gleichgültig.
Je mehr von "berechnend" Zustimmenden "eigentlich" andere Ziele, als die geltenden, verfolgt werden, je mehr auf das Gewährenlassen und unterlassene Gegenwehr die Überlegung einfleisst, dass Widerstand sich derzeit nicht lohnt oder keine Erfolgschance hat, desto mehr geht dre berechnende Standpunkt des Förderns versteckter eigene Ziele über in den des erzwungenen Sich-Abfindens; jenseits davon beginnt dann schon die militante Opposition, mit mehr oder weniger Durchsetzungskraft.
Ein und dasselbe "gültige" Regelsystem in einem Teilbereich der Gesellschaft findet "Akzeptanz" durch das Nebeneinander- und Zusammenwirken der genannten 5 Gruppen.

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